Chinas Sprung unter die besten Raumfahrtnationen

Ein kleiner Hüpfer für das Kaninchen, ein grosser Sprung für China: Das Land der Mitte startet mit dem Rover «Jade-Kaninchen» seine erste Mondfahrzeug-Mission. Es ist ein weiterer Schritt in Chinas ehrgeizigem Weltraumprogramm.

Der Start von Chinas Rakete mit dem Jade-Kaninchen an Bord am 2. Dezember in der Sechuan-Provinz.

Bildlegende: Start in die Mond-Erkundung: Mit dem «Jade-Kaninchen» an Bord startete Chinas Rakete am 2. Dezember in der Sechuan-Provinz. Reuters

Chinas Reise zum Mond ist voller Symbolik. Das Raumschiff «Chang’e 3» ist benannt nach der Göttin des Mondes. Im Bauch der Sonde befindet sich der Mondrover «Jade-Kaninchen». Dessen Name verweist auf jenes Kaninchen, das gemäss chinesischer Mythologie auf dem Mond lebt und ein Sinnbild für Langlebigkeit ist. Doch Chinas Raumfahrtprogramm ist auch ein Symbol für sehr weltliche Werte: für Wettbewerb, Prestige und Macht.


Chinas Raumfahrt gibt Gas

6:25 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 30.11.2013

In kürzester Zeit hat sich das Land der Mitte zur Spitze der Raumfahrtnationen empor gearbeitet. China sitzt nicht länger am Katzentisch, sondern gilt heute als ernst zu nehmender Partner in der Raumfahrt. Vor zehn Jahren schickte China seinen ersten Taikonauten ins All und demonstrierte damit als dritte Nation – nach Russland und den USA – die Fähigkeit, Menschen ins All zu transportieren und von dort auch wieder sicher zur Erde zurück zu bringen. Heute meistern die chinesischen Raumfahrer Aussenbordeinsätze, betreiben seit zwei Jahren eine kleine Raumstation namens Himmelspalast und führen erfolgreich Andock- und Abkoppelungsmanöver mit Weltraummodulen durch.

Landung erst in einigen Tagen

Der Ausgang der aktuellen Mondmission ist momentan noch sprichwörtlich in der Schwebe. Die Raumsonde «Chang’e 3» wird erst in einigen Tagen auf dem Mond landen und dort in der Regenbogenbucht «Sinus Iridium» das Mondmobil «Jade-Kaninchen» in sein Arbeitsgebiet entlassen; 37 Jahre nachdem die Sowjets ihre letzte Luna-Sonde auf dem Erdtrabanten abgesetzt haben. Die Sonde «Chang’e 3» trägt ein kleines Ultraviolett-Teleskop mit sich. Es ist das erste astronomische Observatorium auf dem Mond.

Doch niemand erwartet grosse wissenschaftliche Erkenntnisse. China will in erster Linie seine Technologie testen, hat aber durchaus auch weiter gehende Interessen. Dazu gehört der künftige Abbau von Bodenschätzen. Das solar-geflügelte «Jade-Kaninchen» soll während dreier Monate auf seinen sechs Rädern die Gegend erkunden, den Boden untersuchen und mit seinem Radar natürliche Ressourcen aufstöbern.

Weitere Mission sind in Planung

Die Mission «Jade-Kaninchen» ist ein Meilenstein in der Geschichte der chinesischen Raumfahrt und ein Sprungbrett zu neuen ambitiösen Projekten. Zwei weitere Mondmissionen sind bereits in Planung. Die fünfte Mondmission soll spätestens im Jahr 2017 Gesteinsbrocken zur Erde bringen. Bemannte Mondflüge und allenfalls der Bau einer Mondstation sind für Mitte bis Ende des nächsten Jahrzehnts zumindest angedacht. Dafür sprechen auch die Dimensionen der Sonde «Chang’e 3». Sie ist grösser als nötig und könnte daher durchaus ein Vorläufer-Modell sein für eine künftige bemannte Landung auf dem Mond.

Zudem hat sich China den Aufbau eines weltumspannenden Navigationssystems vorgenommen – analog des US-amerikanischen GPS und des europäischen Galileo-Projekts. Es bestehen auch sehr konkrete Vorstellungen über einen ständigen Aufenthalt in der Erdumlaufbahn. China plant eine neue Raumstation bis ins Jahr 2020. Mit dieser könnte China nach dem Auslaufen der überdimensionierten Internationalen Raumstation ISS vielleicht den einzigen bemannten Aussenposten im All besitzen.

Konkurrenz mit anderen Nationen

China hat sein weltraumtechnologisches Know-how unter der Führung des Militärs in den vergangenen zwanzig Jahren sorgfältig und geduldig vorangetrieben. Heute gehört China zu den drei grossen Raumfahrtnationen. Das erfüllt China mit Stolz und die anderen Nationen mit Angst. Insbesondere aus der Perspektive seiner asiatischen Nachbarn lässt China seine Muskeln spielen und benutzt sein technologisches Können zur Machtdemonstration.

Chinas Nachbarn sehen in dessen Raumfahrtprogramm eine Machtdemonstration. Insbesondere Korea und Japan, die lediglich Satelliten starten können, sowie Indien, das erst vor kurzem eine Marssonde losgeschickt hat, realisieren, dass sie abgehängt sind und allenfalls auch ausgeliefert sind. Denn es ist klar, das chinesische Raumfahrtprogramm dient nicht allein der Wissenschaft.

Hinter dem technologischen Effort stecken auch gewichtige kommerzielle und sicherheitspolitische Interessen. Die USA versuchen deshalb mit allen Mitteln Chinas Aufholjagd zu stoppen und Europa freut sich vorsichtig über einen neuen Partner, der den europäischen Astronauten dereinst Sitzplätze in seinen Kapseln anbieten könnte.

Unterstützung von der ESA

Entsprechend unterschiedlich ist das Verhalten, das die USA und die europäische Raumfahrtbehörde ESA China gegenüber an den Tag legen. Die ESA unterstützt die aktuelle chinesische Mondmission. Das Mondprogramm wird vom Kontrollzentrum in Darmstadt koordiniert. Doch liefert Europa keine Hochtechnologie an China und jede Kooperation muss von den ESA-Mitgliedstaaten, zu denen auch die Schweiz gehört, genehmigt werden.

Chinas Präsident Xi Jinping unterstreicht zwar, dass China eine Supermacht im All werden will. Aber das vom Militär geleitete Raumfahrtprogramm verfolge friedliche Ziele. Solche Versprechen vermögen jedoch das tief sitzende Misstrauen der USA nicht zu verkleinern. Die USA lehnen jegliche Zusammenarbeit ab, um China zu bremsen. China soll seine technologischen Fähigkeiten nicht ausbauen und sich keine strategischen Vorteile erarbeiten können.

Weniger Abhängigkeit dank Peking?

Doch dieser politische Entscheid macht auch in den USA nicht alle glücklich. Raumfahrtexperten – insbesondere der Chef der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa Charles Bolden – bedauern den Boykott. Seit die Space Shuttles eingemottet sind, können die amerikanischen Astronauten nur noch mit den Russen ins All, sind also deren Goodwill und Preispolitik ausgeliefert. Chinesische Konkurrenz würde diese einseitige Abhängigkeit zumindest verkleinern.

Zudem sind sich die allermeisten Raumfahrtexperten einig: Raumfahrt ist derart teuer und technologisch herausfordernd, dass sie in Zukunft nur noch in Zusammenarbeit mit anderen Nationen zu stemmen sein wird. Und zu diesen Nationen gehört unterdessen auch China.

Wie Chinas Raumfahrt arbeitet

Das Gerücht, wonach China nur die russische Raumfahrttechnik kopiere, stimmt nicht – zumindest nicht mehr. China entwickelt seine äusserst zuverlässigen Raketen vom Typ «Langer Marsch» kontinuierlich weiter. Dabei setzt man auf Simulationen, um mit nur fünf bemannten Flügen nachzuholen, wofür die USA und die UdSSR viele Übungsmissionen benötigten.

Was China auf dem Mond will

Die Regierung in Peking betrachtet den Mond hauptsächlich als Energie- und Rohstoffquelle. Wegen der dünnen Atmosphäre würden Sonnenkollektoren auf dem Mond effizienter arbeiten, so der chinesische Experte Ouyang Ziyuan. Der Mond sei reich an Helium 3 als Grundlage für Kernfusionen – und ein möglicher Lieferant für Mineralien und seltenen Erden.