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Technik Die Schweiz – ein Gasparadies?

Vom Genfersee bis zum Bodensee: In der Schweiz sollen grosse Gasvorräte im Boden lagern. Verschiedene Energiefirmen arbeiten daran, den Untergrund zu erkunden. Was steckt hinter der neuen Gas-Euphorie? Wie sinnvoll ist sie?

Gasometer in Schlieren in der Nähe von Zürich, aufgenommen im November 2005.
Legende: In Zukunft Erdgas aus der Schweiz? Gasometer in Schlieren in der Nähe von Zürich (Archivbild vom November 2005) Keystone

Die Schweiz war bisher nicht bekannt für ihre Bodenschätze. Doch das könnte sich ändern. Im Schweizer Untergrund gibt es nämlich Gas. Aus alten Testbohrungen ist das schon länger bekannt; nur ist dieses Gas in gashaltigem Gestein eingeschlossen und liess sich bisher nicht fördern. Neue Bohrtechniken für den Abbau dieses unkonventionellen Gases in Schiefer und dichten Gassandsteinen haben nun eine neue Ausgangslage geschaffen: Die Schweiz könnte ihren heutigen Gas-Jahresbedarf möglicherweise über Jahrzehnte aus dem eigenen Boden decken, vermuten Energie-Geologen wie Werner Leu von der Beratungsfirma Geoform.

Erste Testbohrung am Genfersee

Seit einigen Jahren drücken daher immer mehr Energiefirmen aufs Gas – und suchen es in der Schweiz. In diversen Kantonen laufen zurzeit Erkundungen, oder es sind entsprechende Gesuche eingereicht, so etwa in Freiburg, Waadt, Neuenburg, Bern und Luzern. Zurzeit beschränken sich die meisten Arbeiten auf Daten-Analysen und seismische Tests an der Oberfläche. Im Dorf Noville im Rhonedelta am Genfersee gibt es bereits eine erste Testbohrung. Diese einfache Bohrung der schweizerischen Firma Petrosvibri hat in der Tiefe Sandstein entdeckt, der «Tight Gas» enthält, neben dem Schiefergas das zweite unkonventionelle Gas.

Eine im Bau befindliche Erdgas-Pipeline bei Escholzmatt im Jahr 1973
Legende: Gasbedarf schon in den 70er-Jahren Eine im Bau befindliche Erdgas-Pipeline bei Escholzmatt (Archivbild von 1973) Keystone

Bei Noville lägen beträchtliche Gasmengen im Untergrund, sagt Werner Leu, der Projektleiter der dortigen Testbohrung. Momentan ist aber unsicher, ob das Gas auch zu wirtschaftlich attraktiven Bedingungen gefördert werden kann. Petrosvibri hat bisher 35 Millionen Franken investiert und arbeitet seit einem Jahr im Gegenwind. Der Kanton Waadt hat nämlich im Herbst 2011 die Förderung von Schiefergas verboten — und damit indirekt auch die Methode des so genannten Fracking, das in der unkonventionellen Gasförderung oft zum Einsatz kommt.

Umwelt-Skandale in den USA

Beim Fracking wird eine wässerige Flüssigkeit, vermischt mit Sand und chemischen Zusätzen durch das Bohrloch gepresst. Das macht das gashaltige Gestein rissig, und das eingeschlossene Gas kann entweichen. Mit diesem Verfahren haben die USA riesige neue Gasvorkommen erschlossen, doch zugleich auch ganze Landschaften zerstört. Die Technologie ist daher umstritten.

Das schlechte Image hafte dem Fracking zu Unrecht an, betonen Energiegeologen wie Werner Leu. Die eingesetzten Chemikalien würden zunehmend durch natürliche Alternativen ersetzt. Und sorgfältig ausgeführt sei diese Fördertechnik sauber und sicher. Skandale wie in den USA wären in der Schweiz bei den hierzulande geltenden Umweltauflagen schlicht nicht möglich.

Kritische Haltung in der Schweiz

Doch die Schweiz ist den unkonventionellen Gasfördermethoden gegenüber kritisch eingestellt. Auch der Kanton Freiburg hat diese Technik vorläufig untersagt. Und verschiedene Energiefirmen konzentrieren sich in der Schweiz nun vermehrt auf Erdgasprojekte ohne Fracking.

Solche Projekte sollen nächstes Jahr zu ersten Probebohrungen im Neuenburger Jura und wohl auch im Berner Seeland führen. In Noville, der bisher einzigen Probebohrung in der Schweiz, soll ebenfalls 2013 klar werden, ob sich am Genfersee ohne Fracking reichlich Gas fördern lässt. 

Wirtschaftliches Potential noch unklar

Wie viel Gas mit dem Label «Swiss Made» also dereinst aus dem Untergrund strömen wird, ist zurzeit offen. Auch aus politischen Gründen: Global betrachtet ist Gas als befristete Brückenenergie bis zum Zeitalter der erneuerbaren Energien unbestritten – jedoch nur, solange das Gas, wie in den USA zurzeit der Fall, die Kohle ersetzt, deren Verbrennung doppelt so viel CO2 freisetzt.

Doch in der Schweiz, wo Kohle als Energieträger keine Rolle spielt, streiten sich Fachleute und Politiker, ob es Gaskraftwerke als Brückenenergie wirklich braucht. Oder ob nach dem Abschalten der AKW nicht vielmehr direkt umgestellt werden kann auf Wasser-, Wind- und Sonnenenergie.

Legende: Video Energiezukunft: Risiken und Chancen von "unkonventionellem" Gas abspielen. Laufzeit 08:14 Minuten.
Aus Einstein vom 13.12.2012.

2 Kommentare

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  • Kommentar von H. Straumann, Zürich
    Sonnenenergie und auch Wsserkraft liefern wesentlich mehr Energie im Sommer als im Winter. Der Bedarf an Energie ist aber im Winter deutlich höher. Elektrische Energie kann im grossen Massstab nur in Stauseen halbwegs effizient ´gespeichert´ werden. Wir können aber nicht beliebig viel zusätzliche Stauseen bauen. Wir brauchen also auch in Zukunft Energie für den Winter. Einheimisches Holz und andere Biomasse reichen dafür bei Weitem nicht aus. Erdgas ist nötig, z.B. für Wärme-Kraft-Kopp...
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    1. Antwort von Mike Brunner, Lachen
      Korrekt Herr Straumann, ich hoffe man gibt hier nicht schon wieder auf, bevor man begonnen hat, teilweise aus ideologischen Gründen (Grüne etc.), andererseits aus Angst. Es wäre eine grosse Chance, etwas mehr Energieunabhängigkeit zu gewinnen in der Schweiz.
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