Eine Haut zum Fliegen

In den 70ern sprangen Skispringer noch mit flatternden Anzügen von der Schanze, denn neben den Skiern geben sie eine gewisse Tragfläche. Heute sitzen die Anzüge eng, doch noch immer bestimmen sie mit, wie weit ein Athlet springt. «Einstein» besuchte eine Schneiderei für Skisprung-Anzüge.

Simon Amman fliegt durch die Luft.

Bildlegende: Auftrieb ist alles: Für Skisprung-Star Simon Ammann ist der Anzug ein wichtiges Sprunggerät: Er beeinflusst die Sprungweite. SRF

Ausser dem Rattern der Nähmaschinen ist es still im Nähatelier der Firma Wams im St. Gallischen Buchs. 15 Mitarbeiter produzieren hier pro Jahr über 5000 Sportanzüge für unterschiedlichste Disziplinen wie Langlauf, Biathlon, Skeleton, Rennrodeln oder Ski Alpin. Auch die Anzüge des Schweizer Skisprungteams werden hier genäht.

Bei den Skisprung-Anzügen ist es besonders wichtig, genau zu arbeiten. «Wenn man wie die Skispringer 120, 130 Meter durch die Luft fliegt, kann ein Zentimeter weniger Anzugfläche die Flugweite um bis zu zehn Meter verringern», erklärt Walter Graf, der Produktionsleiter der Firma. Ein Millimeter mehr oder weniger Stoff kann da entscheidend sein.

Walter Graf sitzt imn der Näherei, im Hintergrund sieht man Leute an den Nähmaschinen arbeiten.

Bildlegende: Walter Graf leitet die Produktion der Anzüge für die Skispringer. SRF

Strenges Reglement

Obwohl jeder Sprunganzug anders aussieht, ist der Stoff bei allen gleich. Er wird vom internationalen Skiverband FIS vorgegeben. «So haben alle Nationen die gleiche Ausgangslage», erklärt Walter Graf, «egal, wie viel Geld vorhanden ist.»

Der vorgeschriebene Stoff ist fünf Millimeter dick und besteht aus drei Schichten: Die Vorder- sowie Rückseite sind elastisch. In der Mitte befindet sich ein spezieller Schaumstoff. Je nach Farbe bekommt der Stoff einen unterschiedlichen Glanz. «Manche Athleten entscheiden sich für einen besonders glänzenden Stoff, weil sie das Gefühl haben, das mache sie schneller», schmunzelt Graf. Er selbst glaubt nicht so recht daran.

Es kursieren viele solcher Theorien in der Szene. Eine weitere sei die Farbendiskussion, erzählt der Produktionsleiter. «Einige Skispringer sind davon überzeugt, dass gewisse Farben den Sprung positiv beeinflussen.» Gold zum Beispiel erzeuge mehr Auftrieb und Blau helfe, dass man in der Anfahrt schneller sei. Walter Graf hat jedoch beobachtet, dass immer die Farbe im Trend ist, mit der einer der Athleten gerade besonders erfolgreich ist. Von dieser Farbe müsse er immer ein paar Ballen Stoff mehr einkaufen.

Flatternde Anzüge

Dass die Bekleidung der Skispringer Einfluss auf ihre Sprungweite hat, erkannte man in den 1970er-Jahren: Je mehr Stoff, desto grösser das Polster, das der Wind tragen kann. Damals kamen die Ganzkörperanzüge auf, die für ein besseres Resultat schon mal so grosszügig geschnitten wurden, dass der Stoff im Schritt fast bis zu den Knien reichte.

2003 schob der internationale Skiverband FIS dem ausufernden Treiben einen Riegel vor und schuf Richtlinien. Ein Skisprunganzug durfte dem Sportler nun noch maximal um sechs Zentimeter zu gross sein. Getrickst wurde jedoch immer noch. Bei Anzugkontrollen streckten einige Athleten den Bauch heraus oder sie versuchten die Muskeln anzuspannen. Je nach Geschick konnte man so einige Zentimeter Stoff dazu gewinnen.

Video «Vermessen: Auch Tobias Müller hat sich von den Profis einen Aprunganzug schneidern lassen.» abspielen

Auch Tobias Müller hat sich einen Sprung-Anzug nähen lassen.

2:11 min, vom 4.2.2014

Heute erlauben die Richtlinien maximal zwei Zentimeter Abstand zwischen Stoff und Haut. «Zwei Zentimeter sind ziemlich eng und der Sportler muss beim Vermessen ganz locker stehen. So hat er heute praktisch keine Chance mehr zu betrügen», erklärt Graf.

Alles Handarbeit

Die Herstellung eines Skisprunganzuges ist Handarbeit – vom Vermessen des Athleten bis zur letzten Naht. Im Gegensatz zu den Anzügen der Skirennfahrer. Diese werden jeden Frühling mit einem Scanner der Armasuisse ausgemessen. Da ihr Skianzug hauteng ist, ist das die einfachste Lösung.

Für die Anzüge der Skispringer werden rund 50 Körperstellen von Hand vermessen – immer von derselben Schneiderin, damit es keine Abweichungen gibt. Die erlaubten zwei Zentimeter mehr Stoff müssen genau stimmen. «Es kommt oft vor, dass ein Athlet noch kurz vor einem Wettkampf ein Kilo abnimmt. Am Bauch macht das sehr schnell einen Zentimeter weniger Umfang aus. Da muss man schnell handeln und den Anzug an der entsprechenden Stelle um einen Zentimeter einnehmen» erklärt Graf. Auch dies geht am schnellsten und genausten von Hand.

Die FIS-Kontrolleure sind vor einem Wettkampf besonders streng und messen genau nach, ob der Anzug den Richtlinien entspricht. Ist die Abweichung grösser als die erlaubten zwei Zentimeter, wird der Sportler im schlimmsten Fall disqualifiziert. Das Team hat deshalb jeweils eine Nähmaschine sowie einen Helfer dabei, der die Naht blitzschnell abändern kann.

Schneiderin Lilly Baumgartner an ihrer Nähmaschine.

Bildlegende: Die Schneiderin Lilly Baumgartner nähte den Anzug von Simon Ammann. SRF

Rührende Momente

Natürlich fiebern die 15 Mitarbeiter der Firma Wams mit, wenn die Athleten dann endlich in ihren neuen Anzügen am Start stehen. «Es war ein rührender Moment für mich, als Simon Ammann 2010 gleich zweimal an den Olympischen Winterspielen in Vancouver gewann; eben noch hatte ich doch seinen Anzug in meinen Händen», erzählt die Näherin Lilly Baumgartner stolz.

TV-Tipp

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«Einstein» auf der Skisprung-Schanze: Donnerstag, 6.2.2013 um 21 Uhr auf SRF 1

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