Eine Kampagne für den «Golden Rice»

«Golden Rice» kann Leben retten. Das sagen die Befürworter des vitaminreichen Gentech-Reises, der in den 90ern an der ETH Zürich entwickelt wurde. Gentechnik-Gegner bekämpfen ihn, allen voran Greenpeace – doch nun haben die Wissenschaftler einen Ex-Greenpeace-Aktivisten für ihre Sache gewonnen.

Ein Forscher zeigt herkömmlichen und «Golden Rice» am Internationalen Reisforschungs-Institut auf den Philippinen.

Bildlegende: Hoffnungsträger und Angstmacher: Ein Forscher zeigt herkömmlichen und «Golden Rice» am Internationalen Reisforschungs-Institut auf den Philippinen. Reuters

Zusammen mit Gentech-Forschern tourte Patrick Moore Anfang Jahr durch Europa. Sie demonstrierten vor Greenpeace-Büros, hielten Vorträge und streckten ihre Banner vor Fernsehkameras. Auch in Bern machte die Kampagne Halt. «Golden Rice ist etwas vom Vielversprechendsten, um das Leben armer Menschen zu verbessern», sagte Moore dort.

Golden Rice enthält dank gentechnischer Eingriffe Pro-Vitamin A – im Gegensatz zu normalem Reis. Die Hoffnung ist, dass der Gentech-Reis eines Tages helfen könnte, den Vitamin A-Mangel in Entwicklungsländern zu beheben. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO erblinden jedes Jahr rund 500'000 Kinder wegen Vitamin-A-Mangel; jedes zweite von ihnen stirbt.

Einst Greenpeace-Direktor, heute Gegner

Der Ex-Greenpeace-Mann Patrick Moore fährt eine emotionale Kampagne, die vom Stil her an seinen ehemaligen Arbeitgeber und jetzigen Gegner erinnert. Der Widerstand von Greenpeace gegen den Reis komme einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich, behauptet er.

Als Gründungsmitglied und Direktor von Greenpeace kämpfte Moore in den 70er-Jahren gegen den Walfang, gegen Umweltschadstoffe und Atombombentests. Mitte der 80er-Jahre verliess er die Organisation und führte dann lange eine Beratungs- und PR-Agentur. Heute sei er im Ruhestand, sagt er. Die Kampagne «Allow Golden Rice Now» sei eine Herzensangelegenheit, die er aus privaten Spenden finanziere.

Warum nicht einfach bessere Nahrung?

Bei Greenpeace ist man empört über Moore. Die Vorwürfe seien «eine Frechheit», sagt Marianne Künzle von Greenpeace Schweiz. Greenpeace bestreitet den Nutzen von Golden Rice und befürchtet gleichzeitig Risiken für die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Vitamin A- Mangel lasse sich viel besser mit einer ausgewogenen Ernährung beheben, vor allem mit mehr Gemüse. Auch Vitaminpräparate oder angereicherte Lebensmittel seien gangbare Wege, so Marianne Künzle.

Als Beispiel führt Greenpeace die Philippinen an. Innerhalb von fünf Jahren konnte dort der Anteil der Kinder mit Vitamin-A-Mangel von 40 Prozent auf 15 Prozent reduziert werden – dank Vitaminpräparaten und besserer Ernährung.

Setzlinge von Golden-Rice-Pflanzen am Reisforschungs-Institut in Los Banos auf den Philippinen.

Bildlegende: Seit Jahren in der Forschung: Setzlinge von Golden-Rice-Pflanzen am Reisforschungs-Institut in Los Baños, südöstlich von Manila. Reuters

Studie auf den Philippinen geplant

Patrick Moore und die Gentech-Forscher bestreiten dies nicht. Der Golden Rice solle die anderen Massnahmen nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen, sagt der eremitierte ETH-Professor Ingo Potrykus, der den Golden Rice entwickelt hat. Denn: «Gemüse und Vitaminpräparate sind nicht für alle Menschen zugänglich.»

Tatsächlich leiden noch immer fast zwei Millionen Kinder alleine auf den Philippinen an Vitamin-A-Mangel. Neben dem Erblindungsrisiko sind diese Kinder anfällig für tödliche Krankheitsverläufe bei Masern, Lungenentzündung und Durchfall.

Ob der Golden Rice diesen Kindern allerdings wirklich helfen kann, ist noch offen. Erst wenn er auf den Philippinen als Nahrungsmittel zugelassen ist, wird eine entsprechende Studie mit Menschen durchgeführt, die unter Mangelernährung leiden. Die Zulassung ist in ein bis zwei Jahren zu erwarten.

Bis dahin wird die Diskussion um den Golden Rice andauern, mindestens. Auch was die Risiko-Frage betrifft: Greenpeace befürchtet, der Reis könne ein Risiko für die Umwelt sowie für die menschliche Gesundheit darstellen. Von den Forschern wird das jedoch bestritten. Es gäbe keinerlei wissenschaftlichen Hinweise auf irgendwelche Risiken, sagt Potrykus.

Vermarktung mit Rücksicht auf Nutzer

Sollte der Golden Rice zugelassen werden, würden davon nur die armen Bauern profitieren, verspricht Potrykus. «Niemand, der an der Entwicklung vom Golden Rice beteiligt war, wird auch nur einen Cent daran verdienen.» Alle Firmen, deren Technologien im Golden Rice stecken – etwa das Schweizer Unternehmen Syngenta – verzichten auf die Durchsetzung ihrer Patente in Entwicklungsländern. Das bedeutet, die Forschung in diesen Ländern könnte ohne Einschränkungen lokal adaptierte Golden Rice-Sorten herstellen.

Ob diese lokalen Sorten dann gratis an die Bauern abgegeben werden oder oben sie zu einem gleich hohen Preis verkauft werden wie andere lokale Reissorten, könnte jedes Land selbst entscheiden. Und: Der Golden Rice ist kein Hybrid-Saatgut. Das bedeutet, die Bauern könnten den Samen aus der Ernte abzweigen und ihn immer wieder neu anpflanzen. Es entstünden durch den Golden Rice also keine neuen Abhängigkeiten, wie das bei Gentech-Pflanzen oft befürchtet wird.

Sollte der Golden Rice halten, was er verspricht, hätte die Agroindustrie wohl ein neues, schlagkräftiges Argument auf ihrer Seite. Denn der Golden Rice wäre die erste Pflanze mit einem echten Nutzen für den Konsumenten. Greenpeace hingegen müsste sich im Kampf gegen Gentech-Pflanzen wohl etwas Neues einfallen lassen.