Mont Saint-Michel: Vorwärts in die Vergangenheit

Wie eine Ritterburg erhebt sich der 157 Meter hohe Mont Saint-Michel über den Ebenen der Normandie. Einst war der Granitfelsen komplett vom Meer umspült. Doch durch den Bau eines Dammes im 19. Jahrhundert drohte der Inselberg zu verlanden. Jetzt wird der Mont Saint-Michel wieder zur Insel gemacht.

Eine Aufnahme vom Mont Saint Michel vom Dezember 2010.

Bildlegende: Von Legenden umwoben: Eine Aufnahme vom Mont Saint-Michel vom Dezember 2010. Keystone

Schwere Maschinen machen sich am Fusse des Mont Saint-Michel zu schaffen. Der Damm wird abgetragen und durch eine Brücke auf Stelzen ersetzt. Der Rohbau der Stelzenbrücke ist bereits fertiggestellt. Im Frühjahr 2014 soll sie in Betrieb genommen werden. Dann wird das Meerwasser die Felseninsel wieder vollständig umfliessen können – was seit dem Bau des Dammes im Jahr 1879 nicht mehr möglich war.

Das Naturdenkmal verlandete

Durch den Damm verlor der Mont Saint-Michel zusehends seinen maritimen Charakter. Die angespülten Sandmassen konnten nicht mehr ins Meer zurück fliessen. Die Bucht verlandete mehr und mehr. Mitte der 90er-Jahre liess die französische Regierung abklären, wie der ursprüngliche Charakter des Mont Saint-Michel wieder herzustellen sei.

2006 fiel schliesslich der Startschuss für das riesige Bauprojekt: Bei der Mündung des Fluss Couesnon wurde ein Gezeitendamm gebaut, der den Fluss staut und zugleich das bei Flut ins Landesinnere strömende Meerwasser zurückhält. So kann das Wasser bei Ebbe in die Bucht zurück fliessen und den Sand wieder ins Meer zurück spülen. Der Gezeitendamm wurde 2008 in Betrieb genommen.

Teure Wiederherstellung

Als zweite Etappe des 200-Millionen-Euro teuren Renaturierungsprojektes wird nun also der Zugang zum Mont Saint-Michel erneuert. Der Damm kommt weg. Und damit auch die Parkplätze, auf denen die jährlich 3,5 Millionen Besucher bisher direkt vor der Befestigungsmauer anhalten konnten. Vier Kilometer im Landesinnern ist ein neuer Parkplatz entstanden, der mit einem Pendelbus mit dem Mont Saint-Michel verbunden ist.

Kritik von den Anwohnern

Die neue Parkplatz-Ordnung gilt auch für die Bewohner und die Gewerbetreibenden des Mont Saint-Michel. Auch sie können nicht mehr direkt vor den Toren parkieren – zu ihrem grossen Ärger. «Unser Dorf wird abgeriegelt – wie ein Themen-Park», kritisiert Géraldine Faguais, «das ist unhaltbar. Wir arbeiten hier und wollen nicht zu Sklaven werden.» Faguais führt ein Souvenir-Geschäft in fünfter Generation und kann dem Projekt wenig abgewinnen.

Luftaufnahme des Mont Saint Michel mit der Zufahrtstrasse.

Bildlegende: Einst Pilger, heute Reisebusse: Luftaufnahme des Mont Saint-Michel mit der Zufahrtstrasse. Keystone

«Das ist ein Projekt von nationalem, ja internationalem Interesse», weist Projektleiter Christophe Maisonobe die Kritik zurück. Die Bewohner und Gewerbetreibenden hätten ihre Wünsche und Bedenken in einem ordentlichen Mitwirkungsverfahren einbringen können: «Ihre Forderungen wurden berücksichtigt – sofern sie mit dem Projekt zu vereinbaren waren.»

Eine bewegte Geschichte

Die Legende berichtet, dass der Bau einer Kapelle auf dem Mont St. Michel dem hartnäckigen Einsatz des Erzengels Michael zu verdanken sei: Er erscheint im Jahre 708 dem Bischof Aubert von Avranches im Traum und verlangt, dass ihm zu Ehren eine Kapelle auf Granitfelsen errichtet werden soll, der vor der Küste liegt. Die aussergewöhnliche Lage der Kapelle spricht sich schnell herum. Der Mont Saint-Michel wird zu einem beliebten Wallfahrtsort. Immer mehr Pilger strömen auf den Berg, sodass Benediktinermönche im 10. Jahrhundert mit dem Bau einer Abtei beginnen.

Im Hundertjährigen Krieg (1337–1453) ist die Bucht Schauplatz von Kämpfen zwischen Engländern und Franzosen. Das Kloster wird um Befestigungsanlagen erweitert. Die Engländer, die sich in ganz Nordfrankreich festgesetzt haben, können den Mont Saint-Michel wegen seiner exponierten Lage nie einnehmen. Er bleibt die letzte Bastion Frankreichs und gilt seitdem als Nationalheiligtum der Franzosen.

Kerker für Regime-Gegner

Während der Französischen Revolution (1789–1799) wird das Kloster zum Gefängnis umfunktioniert. Mehr als 70 Jahre lang sitzen unter wechselnden Herrschern vor allem Regimegegner hinter den Mauern des Klosterberges ein. Da formiert sich eine Bewegung zur Rettung des Mont Saint-Michel. Viele Prominente setzen sich für die Wiederherstellung des «architektonischen Schatzes von nationaler Bedeutung» ein, allen voran der Schriftsteller Victor Hugo.

Kaiser Napoleon III. lässt das Gefängnis 1863 schliessen. In den 1870er-Jahren werden das Kloster, die Befestigungsanlagen und der mittelalterliche Ort umfassend restauriert. Bereits 1874 erklärt der französische Staat den Mont Saint-Michel zum nationalen Denkmal, der höchsten Stufe des Denkmalschutzes in Frankreich.

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Streit um mythischen Berg

4:00 min, aus 10vor10 vom 4.12.2013

Inspiration für ein Film-Epos

Für die Herr-der-Ringe-Verfilmung nach J. R. R. Tolkiens gleichnamigem Epos haben die Produktionsdesigner um Peter Jackson sich für die Konstruktion der Minas-Tirith-Modelle, Hauptstadt von Gondor, von Mont Saint-Michel inspirieren lassen.

Mythen um Mont Saint-Michel

Der Mont Saint-Michel kommt in der Artussage vor: Hier soll ein Riese gelebt haben, den Artus erschlug. Die Artussage wird auch oft mit dem Heiligen Gral in Verbindung gebracht – und der Heilige Gral mit Mont Saint-Michel. Manche vermuten sogar, dass der Heilige Gral in den Gemäuern des Klosters versteckt ist. Gefunden hat man ihn freilich nie.