Weiche Banden für harte Jungs

Wenn am Wochenende die Eishockey-Meisterschaft beginnt, hallt der Unfall von Ronnie Keller noch nach. Vor sechs Monaten stürzte er bei einem Zweikampf in die Bande und ist seither querschnittgelähmt. Solche Risiken liessen sich entschärfen: In Wil wurde die erste flexible Eishockeybande eingebaut.

Das Geheimnis der neuartigen Spielfeldumrandung sind die Stützpfosten der Bande. Sie sind aus Kunststoff statt wie üblich aus Stahl. Die Südtiroler Herstellerfirma Engo tüftelte vier Jahre lang an einer weicheren Bande, die elastisch, aber doch stabil genug ist, um die Wucht von Bodychecks und Stürzen abzufedern.

In Zusammenarbeit mit Leichtbau-Ingenieuren der Universität Dresden wurde der richtige Kunststoff-Mix offenbar gefunden. In Labortests zeigte sich, dass die neue Bande bei Bodychecks im Bereich des ebenfalls neuen und weicheren Handlaufs um bis zu 80 Millimeter nach hinten federt – zehn Mal mehr als jede klassische Bande. Ein Quantensprung in Sachen Spieler-Sicherheit?

Neue Bande viel besser, aber….

«Einstein» liess die neue Bande von Wil erneut testen, von Ingenieuren der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Die Crashtest-Spezialisten gingen noch weiter als die Hersteller: Das Szenario war kein normaler Bodycheck, sondern ein lebensgefährlicher Crash. Die Bandentester simulierten den Unfall eines Eishockeyspielers, der mit Tempo 35 dem Puck nachjagt, strauchelt und kopfvoran gegen die Bande kracht.

Dazu wurde ein mit Sensoren bestückter Dummie-Kopf über ein Katapult mehrfach gegen die Bande geschossen. Und die Winterthurer Ingenieure machten ihre Tests nicht auf der Längsseite der Bande wie der Hersteller, sondern im gebogenen Radius in der «Ecke» des Spielfelds: Dort ist selbst eine weichere Bande aus bautechnischen Gründen garantiert am steifsten.

Das Ergebnis der Versuche: Die neue Bande schnitt in den Crashtests um einen Drittel besser ab als jede herkömmliche Bauart. Ein schöner Erfolg, aber leider noch nicht gut genug, damit ein Spieler den getesteten Extremfall überleben würde.

Weicher – nicht unbedingt sicherer?

Ihrem Ziel, das Unfall-Risiko zu minimieren, ist die neue Bande zwar einen grossen Schritt näher gekommen. Dennoch gibt es auch erste, leise Vorbehalte – und das von unerwarteter Seite. Gery Büsser, Sportmediziner und Teamarzt der ZSC Lions, sieht in weicheren Banden nicht nur Vorteile. Man dürfe keine falsche Sicherheit vortäuschen, denn schwere Verletzungen werde es im Eishockey leider immer geben.

Ausserdem, so Büsser weiter, bestehe die Gefahr, dass die Spieler noch härter zur Sache gingen, wenn sie meinten, es könne ihnen an der Bande nichts mehr passieren. Grundsätzlich begrüsst der Sportmediziner aber jeden technischen Fortschritt, der die Sicherheit der Spieler verbessern kann.

Entscheid liegt bei Stadionbetreibern

Trotz gewisser Defizite ist das neue, flexible Bandensystem klar sicherer als jede klassische Bande. Ob sich die weicheren Banden durchsetzen, ist allerdings offen. Denn jeder Eishallenbetreiber bestimmt selbst, welche Spielfeldumrandung im Stadion steht; Sicherheits-Auflagen gibt es nicht.

Doch auch hier haben die Hersteller der neuen Bande ein schlagendes Argument: Ihre Neuentwicklung kostet mit 200‘000 Franken nicht mehr als eine konventionelle Anlage. Vielleicht mit ein Grund, dass sich neben Wil mit Aarau bereits eine zweite Stadt für die neuartige Bande entschieden hat.

Könnte die weichere Bauart einen Einfluss auf das Eishockey-Spiel haben? Die Antwort von Markus Profanter, CEO der Firma Engo, im Online-Video:

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Wie könnte die neue Bande das Spiel beeinflussen?

0:37 min, vom 11.9.2013

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