«Wenn ich das kann, kannst du das auch»

Hightech für alle – durch FabLabs: Über die ganze Welt verteilt gibt es bereits 250 dieser offenen Werkstätten. Sie demokratisieren technische Geräte und machen sie für alle zugänglich. Besonders in Entwicklungsländern verbessern sie das Leben der Menschen.

Frau schraubt im FabLab in einer Holzkiste Leitungen zusammen.

Bildlegende: Lösungen umsetzen: Im FabLab in Pabal arbeitet eine Bäuerin an ihrem Projekt. Vigyan Ashram

Der Sommer 2009 war im kleinen Dorf Pabal in Westindien besonders lang und trocken. So trocken, dass die durstigen Hunde begannen, die Wassertanks der Dorfbewohner anzukauen. Ein von den Bauern selbst entwickeltes Ultraschallgerät schaffte Abhilfe: An den Wasserreservoirs angebracht, sendet es seither Ultraschallwellen in einer Frequenz aus, die für Hunde unangenehm ist – nun bleiben sie den Tanks fern.

Das Ultraschallgerät entwickelten die Bauern im FabLab der «Vigyan Ashram» Schule in Pabal. Genau hier wurde 2002 das erste FabLab ausserhalb der USA gegründet. In den offenen Werkstätten, die es mittlerweile auf der ganzen Welt gibt, stehen jedem Mitglied verschiedene Maschinen zur Verfügung – meist gehören 3D-Drucker und Lasercutter zur Grundausstattung. Die Idee zu den «Fabrication Laboratories», kurz FabLabs, hatte Neil Gershenfeld, ein Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sein Ziel: digitale Fabrikationsmaschinen für alle zugänglich zu machen.

Wurzeln der Idee in Indien

Dr. Yogesh Kulkarni, Leiter der Vigyan Ashram Schule in Pabal, Porträtfoto

Bildlegende: Dr. Yogesh Kulkarni, Leiter der Vigyan Ashram Schule in Pabal. wikipedia

Die «Vigyan Ashram»-Schule in Pabal und ihr Leiter Yogesh Kulkarni leisteten dazu einen wichtigen Beitrag. «Schon bevor Neil Gershenfeld 2002 am MIT das erste FabLab gründete, verfolgten wir mit der Schule das Konzept, das später zum Wahlleitspruch der Bewegung wurde: You can make almost anything», erzählt er. «Aber uns standen damals nur traditionelle Geräte zur Verfügung.»

Schon 2002 wurde im «Vigyan Ashram» fast alles selbst gemacht: die Möbel wurden geschreinert, die Gebäude aufgebaut.

Auf einer Indien-Reise besuchte der MIT-Professor Neil Gershenfeld das «Vigyan Ashram», um sich die Schule und ihr Do-it-yourself-Konzept genauer anzusehen. «Wir diskutierten, auf welche Grenzen wir hier in Pabal bei der Produktion von Dingen stiessen», erinnert sich Kulkarni. «Da kam Neil die Idee, digitale Verarbeitungsgeräte zu nutzen und sie allen zur Verfügung zu stellen.»

Ziel: Eine weltweite Bewegung

Zurück in Massachusetts setzte Neil Gershenfeld seine Idee in die Tat um und entwickelte das Konzept der heutigen FabLabs, zusammen mit Studenten in einer Veranstaltung unter dem Titel «How To Make (Almost) Anything». Nach und nach wurde aus der Idee eine weltweite Bewegung und es entstanden immer mehr FabLabs. Heute sind es über 250, auf allen Kontinenten verteilt.

Blick auf die Vigyan Ashram Schule: Ein kleineres Haus, umgeben von Feldern.

Bildlegende: High-Tech Insel: Die Vigyan Ashram Schule in Pabal, Indien. Vigyan Ashram

Dem «Vigyan Ashram» in Pabal half der MIT-Professor bei der Anschaffung der ersten Maschinen. Heute besitzt dieses FabLab nicht nur einen 3D-Drucker, sondern auch einen Lasercutter, einen Vinyl Cutter, Lötmaschinen und andere kleinere Werkzeuge. Damit haben sich die Möglichkeiten in der Dorfgemeinschaft vervielfältigt.

«Wenn wir ein technisches Problem im Dorf haben, haben wir meist auch bald eine Idee zur Lösung. Aber früher hatten wir nicht die Geräte, um sie umzusetzen», erzählt Leiter Kulkarni. «Das FabLab gibt uns nicht nur die Maschinen, die wir zur Umsetzung der Lösung brauchen, sondern auch Zuversicht: Ja, wir können unser Problem selbst lösen.» So werden durch die FabLabs Güter demokratisiert, von denen man bisher annahm, nur speziell ausgebildete Leute in grossen Industriefirmen könnten sie herstellen.

Potential nicht nur in den Entwicklungsländern

«Die Welt steht wieder vor einer industriellen Revolution» schrieb die Süddeutsche Zeitung schon 2010 über die FabLab-Bewegung. Und damit meinte sie nicht die Entwicklungsländer. Wenn zukünftig jeder von uns die Geräte, die er im täglichen Leben benötigt, innert kürzester Zeit selbst herstellen könnte, würde das die heutigen Industriestrukturen tiefgreifend verändern: Überall nehmen die «Fabber», wie sich die Mitglieder nennen, die Produktion in die Hand.

Drei Kinder sitzen um einen Computer herum, eine Frau scheint ihnen etwas zu erklären.

Bildlegende: Im FabLab in Nairobi wird schon den Kleinsten gezeigt, was man mit der richtigen Technik alles herstellen kann. FabLab Nairobi

Gerade in Entwicklungsländern scheint die Bewegung ihr grosses Potential zu entfalten. Die Möglichkeit, Herausforderungen vor Ort und schnell – ohne den Umweg über die Industrie – anzugehen, verändert vor allem in ärmeren Regionen der Welt das alltägliche Leben der Menschen.

Aber nicht überall treffen FabLabs auf Begeisterung. Yogesh Kulkarni hat vor allem in ländlichen Regionen Ablehnung erlebt: «Bei uns in Indien gewinnt die Idee der FabLabs erst so nach und nach an Akzeptanz», sagt er. «Viele Leute stehen der Idee, technische Dinge selbst zu machen und ihre Probleme so anzugehen, skeptisch gegenüber.» Doch auch in Indien breitet sich die Idee immer weiter aus: Es gibt nun schon sechs FabLabs im Land.

FabLab Nairobi: Bei den Kindern anfangen

Technische Probleme selbst anzupacken, das wird im FabLab Nairobi schon den Kleinsten beigebracht. Im Rahmen des «Outreach Program» erklären die erfahrenen Mitglieder Schulklassen die verschiedenen Geräte. Die Schüler können mit ihnen experimentieren und ihre Projekte umsetzen. «Wir versuchen, Kinder für Wissenschaften und vor allem für Technik zu begeistern», erklärt Ken Abwao, Mitarbeiter im FabLab Nairobi. «Wir wollen ihnen sagen: Schau, wenn ich das kann, kannst du das auch.»

Eine Mitarbeiterin zeigt auf den Bildschirm eines Laptops, der vor einem Jungen steht.

Bildlegende: Im FabLab Nairobi zeigt eine Mitarbeiterin einem Jungen, wie er Figuren mit dem 3D-Drucker ausdrucken kann. FabLab Nairobi

Auch im FabLab Nairobi werden die konkreten Probleme der Mitglieder angegangen: Ein automatisiertes Gewächshaus wurde entworfen, das die Wasserzufuhr und andere Funktionen selbst regelt. «Die Idee für das Gewächshaus ist daraus entstanden, dass viele Bauern in die Stadt gehen, um Geld zu verdienen», sagt Abwao. «Ihre Farmen müssen sie auf dem Land zurück lassen, wollen sie aber irgendwie überwachen.»

Er ist überzeugt, dass sich die FabLabs international nicht in ihrer Funktion, sondern nur dahingehend unterscheiden, wie von ihnen Gebrauch gemacht wird: «Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Herausforderungen und alle FabLabs helfen den Menschen, diese Herausforderungen selber anzugehen.»

Kooperation im gesamten Netzwerk

Ihre internationale Vernetzung und Offenheit ist die wichtigste Eigenschaft der FabLabs. Jeder kann Mitglied werden. Alle Baupläne und Projekte sind überall auf der Welt zugänglich. Und Fabber helfen sich gegenseitig. «Das FabLab gibt uns einen Zugang zu einem internationalen Netzwerk an Experten», erklärt Kulkarni in Pabal, «und an diese Experten können wir uns mit unseren Problemen und Fragen wenden.»

Es kann also gut sein, dass die Bauern in Pabal bald vom in Nairobi entwickelten Gewächshaus profitieren können – und auch die afrikanischen Hunde in der Trockenzeit mit Ultraschallgeräten von den Wassertanks vertrieben werden.

Einblicke in das FabLab in Pabal

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