Wie ein Hochseekapitän Graubünden aufgleiste

Nach einem beschwerlichen Aufstieg erreichten Willem Jan Holsboer und seine tuberkulose-kranke Frau 1867 Davos, wo sie gesunden sollte. Überlebe sie, soll Holsboer sich gesagt haben, werde er hier eine Eisenbahn bauen. Die Krankheit siegte – Holsboer tat es trotzdem, wie eine Dokumentation erzählt.

Willem Jan Holsboer auf einem Gemälde im Heimatmuseum Davos.

Bildlegende: Macher im Bündnerland: Willem Jan Holsboer auf einem Gemälde im Heimatmuseum Davos. Emilie Forchhammer (1850–1912) / Wikipedia

22 Jahre später war Holsboers Vision Wirklichkeit: Am 9. Oktober 1889 traf der erste Zug in Klosters ein. Der Niederländer hatte die Schmalspurbahn Landquart-Davos durchgesetzt und realisiert – just zu einer Zeit, als Graubünden im Gestreite der einzelnen Bündner Talschaften um Lokal- oder Transitbahnen drohte, den Anschluss an die grosse, neue Bahnzukunft definitiv zu verlieren.

Den Erfolg des einstigen Schiffskapitäns begründet der Konservator am Bahnmuseum Bergün, Gion Rudolf Caprez, so: «Holsboer hat ein Projekt ausgearbeitet, das er mit seinen Bekannten selbst finanzieren konnte, und benötigte so vom Kanton nur die Konzession, aber kein Geld. So kam er damit in der Politik durch.» Und mit der Strecke Landquart-Davos legte der Niederländer den Grundstein zur Entwicklung der Rhätischen Bahn.

Italienische Arbeiter auf der Albula-Linie der Rhätischen Bahn.

Bildlegende: Harte Arbeit, wenig Lohn: Italienische Arbeiter beim Bau der Albula-Linie der Rhätischen Bahn. Rhätische Bahn AG

Dass sie heute auf einem Schienennetz von 384 Kilometern über Schluchten und Bergpässe die Täler des grössten Schweizer Kantons verbindet, verdankt Graubünden freilich nicht Holsboer alleine.

Alle für Eine – Pioniere der RhB

Neben ihm halfen viele andere tatkräftig mit. Zwischenzeitlich arbeiteten bis zu 6‘000 Handwerker, zumeist italienischer Provenienz, am Streckennetz der Rhätischen Bahn. Über ihr Schicksal ist wenig bekannt. Ihre Bauwerke stehen noch, doch ihre sonstigen Spuren verlieren sich im Dunkel der Geschichte.

Eine Abbildung der Rhätische-Bahn-Pioniere Holsboer, Schucan, Hew.

Bildlegende: Drei Pioniere der RhB: Holsboer, Schucan, Hew (von links nach rechts). SRF

Von anderen Weggefährten Holsboers weiss man mehr. Zum Beispiel vom Oberingenieur und ersten Direktor der Rhätischen Bahn, Achilles Schucan. Oder von Wilhelm Hew, dem ersten Präsident des Vereins Schweizer Eisanbahnangestellter. Allen dreien widmete Journalist Ruedi Bruderer von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha den Dokumentarfilm «Ils Piuniers».

Landquart – wo alles begann

Landquart, vor 125 Jahren erste Station Willem Jan Holsboers auf seiner beschwerlichen Reise nach Davos, ist inzwischen zum Knotenpunkt für das Streckennetz der Rhätischen Bahn geworden. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand hier rund um den Bahnhof das Bahnzentrum – mit neuen Werkstätten und einem Arbeiterquartier mit über 50 Gebäuden.

Just in Landquarts Bahnhofbuffet kam es denn auch zu einem historischen Zusammentreffen für den Film. Auf Einladung Ruedi Bruderes trafen sich dort die Nachfahren der drei Pioniere, um sich über ihre berühmten Vorfahren und deren Wirken bei der RhB aus zu tauschen: Holsboers Urenkel Samuel Miller, Schucans Ur-Urenkel Luzi Schucan und Florian Hew, Enkel von Wilhelm Hew.

Dabei kamen auch Wirrungen der Pionierzeit zur Sprache. «Ihr Ururgrossvater ist auch schuld, dass mein Urgrossvater zur Rhätischen Bahn gekommen ist», erzählte Schucan dem Holsboer-Nachfahren, «er hatte sich nämlich erkundigt, wem er die Verantwortung für den Bau und den Betrieb dieser Linie Landquart–Davos übertragen könnte. Da hatte man ihm einen Ingenieur Schucan empfohlen.»

Die Nachfahren der drei Pioniere der Rhätischen Bahn beim Treffen im Bahnhof in Landquart.

Bildlegende: Anekdoten: Die Nachfahren der Pioniereim Bahnhof Landquart. SRF

Und weiter? «Er sagte dann, ja, den kenne ich; das wäre gut.» Aber es kam anders: «Der war ein Cousin meines Urgrossvaters», berichtete Schucan, «als dann aber mein Urgrossvater selbst kam, war das für Holsboer auch gut.»

Pionier Holsboer zum Zweiten

Nach dem Tod seiner ersten Frau blieb der umtriebige Holsboer in Graubünden; er heiratete die Davoserin Helene Büsch. Der Niederländer brachte die Region nicht nur auf Gleisen voran, sondern begründete einen weiteren Aufschwung: Mit dem Bau des ersten Sanatoriums legte er auch den Grundstein für den Aufschwung von Davos als internationalem Luftkurort.

Ein Foto des Davoser Sanatoriums Schatzalp, kurz nach der Eröffnung zu Weihnachten des Jahrs 1900.

Bildlegende: Sanatorium Schatzalp, kurz nach der Eröffnung: Der Grossbau war das letzte Projekt von Holsboer. Er starb 1898 an den Folgen eines Schlaganfalls. Unbekannt / Wikipedia

«Holsboer hat das erste Kurhaus bauen lassen, 1868», erzählt Timothy Nelson, Leiter der Davoser Dokumentationsbibliothek, «danach kamen natürlich immer mehr Hotels und Sanatorien dazu; eine rege Bautätigkeit setzte ein.»

Man sieht anhand der Statistiken zum Beispiel, so Nelson weiter, dass sich innerhalb von anderthalb Generationen die Bevölkerung verfünffachte. «Das wäre ohne Holsboer nicht denkbar gewesen, denn die ganze Bautätigkeit, Hotels, Sanatorien, die fängt eigentlich mit ihm an.»

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Grosses Jubiläum für die kleine Rote

8:52 min, aus Einstein vom 13.3.2014

Zum Dokumentarfilm von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha: