Im Parterre links (1963)

Die resolute Mutter Wieser dominiert ihre Familie und weiss genau, wo jeder sein Glück zu finden hat. Doch ihre ehrgeizigen Vorstellungen erweisen sich als Lebenslüge. «Im Parterre links» war Frühs letzter Beitrag zum Kleinbürger-Film und sein Misserfolg bewies, dass das Genre ein Auslaufmodell war.

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«Im Parterre Links», 1963 (Filmausschnitt)

15 min, vom 25.3.2015

Karl Wieser (Paul Bühlmann), der Zürcher Tramführer, ist ein Pantoffelheld. Als man ihn für eine Demonstrationsfahrt vor ausländischen Experten auswählt, steigt er in Ehefrau Annis (Valerie Steinmann) Gunst. Auch auf Helen (Ursula Kopp), die ältere Tochter in Amerika, die eine gute Partie gemacht hat, auf ihr Schwesterchen Inge (Bella Neri), die einmal eine weltbekannte Sängerin werden soll, und auf Sohn Herbert (René Scheibli), der Medizin studiert, ist Mama besonders stolz.

Nur zeigt es sich, dass sie eigener Verblendung und Schwindelei erliegt. In Wahrheit serviert die angehende Sängerin als Barmaid, Tochter Helens Heirat in den USA hat nie stattgefunden – sie bringt einen Buben nach Hause, der seinen Vater nicht kennt. Dem Sohn Herbert, in dem die Mutter bereits den berühmten Arzt sieht, wird es beim Sezieren schlecht. Zu allem Unglück macht ein Augenleiden Vater Wieser arbeitsunfähig. Ein Kartenhaus hochfliegender GIücksgefühle fällt zusammen.

Doch der Kladderadatsch hat sein Gutes: Nach und nach findet Familie Wieser zum soliden kleinen Glück. Ein Spengler liebt die reuige Amerikafahrerin, die Barmaid findet zu einem Klarinettisten, der junge Medikus kann jetzt Blut sehen. Die Schlafmitteldosis, die der verzweifelte Vater Wieser schluckt, erweist sich als Abführmittel. Die Welt hat wieder ihre heitere Ordnung.

Hintergrund

Ein Volksstück, ins Schweizerische übertragen: Das erfolgreiche Lustspiel «Fenster zum Flur» von Curth Flatow und Horst Pillau liegt dem Dialektfilm «Im Parterre links» zugrunde. Doch Kurt Früh hat als Regisseur und Autor für typische helvetische Verhältnisse und für treffliche Dialoge gesorgt. Auch die Charaktere, unter ihnen Paul Bühlmann als Trämler und Vater, Valerie Steinmann als resolute Familienmutter, Bella Neri als hübscher Mädchen-Kobold und René Scheibli als studierender Sohn, sorgen fürs stimmige Kleinbürgermilieu.

Die Geschichte von der Trämlerfamilie, die in arge Turbulenzen gerät, weil die Scheinwelt der Mutter plötzlich zusammenbricht, spielt sich in wenigen Räumen ab. Kameramann Emil Berna gewinnt den Szenen in verwinkelten Hausfluren und Zimmern allerdings mancherlei Bewegung und filmische Wirkung ab. Allerdings bewies der Misserfolg dieser kleinen süss-sauren Komödie beim Publikum endgültig, dass die Zeit des Kleinbürger-Films, zu dem Kurt Früh einige der prägnantesten Beispiele beigetragen hatte, abgelaufen war. Der Publikumsgeschmack hatte sich gewandelt; die Fans von «Polizischt Wäckerli» & Co. hatten es sich vor dem Fernseher bequem gemacht.

Zahlen und Fakten

  • Produktion: Gloriafilm AG, Zürich; Praesens Film AG, Zürich
  • Produzent: Max Dora, Lazar Wechsler, Kurt Früh
  • Erstaufführung: 26.3.1963, Zürich («Apollo»)
  • Drehzeit: 14. Januar – 8. Februar 1963
  • Innenaufnahmen: Filmstudio «Salmen», Schlieren ZH
  • Aussenaufnahmen: Zürich

Cast

  • Valerie Steinmann als Anni Wieser
  • Paul Bühlmann als KarI Wieser
  • Bella Neri als Inge
  • Ursula Kopp als Helen
  • René Scheibli als Herbert
  • Josef Scheidegger als Erich, Spengler
  • Peter Brogle als Sandro Ivanovitch, Klarinettist
  • John Da Costa als Dany, Helens Sohn

Crew

  • Regie: Kurt Früh
  • Drehbuch: Kurt Früh, Fritz Bruder, Alex Freihart nach dem Bühnenstück «Fenster zum Flur» von Curth Flatow und Horst Pillau
  • Kamera: Emil Berna
  • Musik: Walter Baumgartner
  • Schnitt: René Martinet, Anne-Marie Demmer

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