Japanischer Familienfilm «After the Storm»: Ein Mann will Vater werden

In «After the Storm» pflegt Regisseur Hirokazu Koreeda die japanische Tradition des Familienfilms.

Mann sitzt in Auto und hält Feldstecher

Bildlegende: Verdient sein Geld als Privatdetektiv – und verspielt es gleich wieder auf der Rennbahn: Riota (Hiroshi Abe). Agora Films

«Warum kommst Du immer zu spät?», fragt Kyoko ihren Ex-Mann Riota. Es sei eben spät geworden am Abend zuvor, meint er zerknirscht. Als sich Kyoko darauf wortlos umdreht und mit dem gemeinsamen Sohn in der Menge verschwinden will, jammert Riota: «Ich habe mich doch so auf das Treffen gefreut! Sei nicht so streng.»

Riota hat für seinen ersten Roman viele Auszeichnungen bekommen. Aber das ist lange her, und seither hat er nichts mehr zustande gebracht. Seine Ehe ist gescheitert, er verdient sein Geld als Privatdetektiv – und verspielt es gleich wieder auf der Rennbahn.

Unspektakulär und alltäglich

Seine alte Mutter stellt ihn dem neuen Nachbarn immer noch als Schriftsteller vor. Aber gegenüber seiner Ex-Frau sagt sie: Riota sei an seinen eigenen Erwartungen gescheitert. In der Gegenwart zu leben, das gelinge ihrem Sohn nicht, wie so vielen Männern.

Vater, Mutter und Sohn sitzen nebeineinander

Bildlegende: Die Filmfiguren von Regisseur Hirokazu Koreedas wachsen einem ans Herz. Agora Film

Denselben Gedanken bringt Exfrau Kioko gegenüber Riota noch viel einfacher auf den Punkt: «Wenn du so gerne ein guter Vater wärst, warum hast du nicht schon früher damit angefangen?»

In dieser einfachen Frage zeigt sich die Meisterschaft des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda. Seine Geschichten werden von Film zu Film unspektakulärer und alltäglicher. Gleichzeitig wachsen einem seine Figuren immer stärker ans Herz, weil der Filmemacher die Kunst beherrscht, alle ihre unterschiedlichen Perspektiven fast gleichzeitig erfahrbar zu machen.

Noch kein guter Vater

Als Zuschauer sind wir Riota ein wenig voraus, weil wir den Blick auf ihn mit den Frauen und seinem Sohn teilen. Und so erahnen und erhoffen wir den Moment, in dem Riota seine eigenen Ansprüche an sich und die Welt revidiert.

Der titelgebende Sturm zwingt die Ex-Eheleute und ihren Sohn dazu, gemeinsam bei der Grossmutter zu übernachten, wie eine richtige Familie. Mitten im nächtlichen Regen stehlen sich Vater und Sohn gemeinsam hinaus auf den Spielplatz, in die regengeschützten Kriechröhren für Kinder. Dort fragt der Sohn den Vater schliesslich: «Was wolltest du werden? Bist du es geworden?»

Riota antwortet nachdenklich: «Noch nicht.» Und da ist klar: Er meint nicht mehr seinen Schriftsteller-Traum, sondern das Naheliegende, gegenwärtige: ein guter Vater.

Kinostart: 16.03.2017

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.03.2017, 08:20 Uhr

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Was passiert, wenn sich nach sechs Jahren herausstellt, dass der eigene Sohn tatsächlich der Sohn einer anderen Familie ist? Hirokazu Koreeda spürte 2013 im Film «Like Father Like Son» den Familienbanden in leisen Tönen und starken Momenten nach.