Oscars für Streaming-Anbieter Amazon und Netflix wollen das Kino erobern

Sie schneidern ihren Kunden Filme auf den Leib: Wie Streaming-Dienste sich auf dem Filmmarkt positionieren wollen.

Ein Kinosaal, der sich langsam mit Leuten füllt.

Bildlegende: Die grossen Studios kriegen grosse Konkurrenz: Auch Netflix und Amazon wollen mit ihren Filmen ins Kino. Getty Images

  • Netflix und Amazon Studios haben erstmals Oscars gewonnen. Die Streaming-Anbieter drängen auf den Markt der grossen Filmstudios.
  • Streaming-Dienste rechnen nicht nur mit Einnahmen an den Kinokassen, sondern auch durch neue Abonnenten.
  • Für die Zuschauer ist das Aufkommen von neuen Playern ein Vorteil. Es führt nicht nur zu einem grösseren Wettbewerb, sondern auch inhaltlich zu einer grösseren Diversität.

Nicht nur der blamable Abschluss der diesjährigen Oscarverleihung war ein Novum, auch Oscars für Streaming-Anbieter gab es zum ersten Mal. Amazon sahnte drei und Netflix ein Goldmännchen ab. Mit «The Salesman», «Manchester by the Sea» und «The White Helmets» haben drei Produktionen gewonnen, die von Streamingdiensten finanziert oder vertrieben wurden.

Vier Oscars, ein Zeichen: Mit ihren ersten Trophäen behaupten sich Amazon und Netflix auf dem Markt der grossen Filmstudios. So sieht das auch Patrick Schaumlechner, CEO des Schweizer Filmvermarkters Impuls Media Group: «Durch Netflix und Amazon wurden die grossen sechs Studios – Warner, Fox, Disney, Universal, Paramount und Sony – um zwei Firmen erweitert.» Problematisch seien die digitalen Player aber nicht: «Gesunde Konkurrenz belebt den Markt und zwingt die Akteure, agil zu bleiben.»

Noch kein Verleiher? Her damit!

Netflix und Amazon rütteln nun vor allem den Independent-Filmmarkt auf. Laut Financial Times kaufen Amazon, Netflix und ähnliche Anbieter vermehrt Filme ein, die etwa am Sundance oder am Toronto Filmfestival gezeigt wurden und noch keinen Verleiher haben.

So auch «Manchester by the Sea»: Das Drama lief letztes Jahr am Sundance Festival und wurde, statt von einem regulären Filmverleiher, von Amazon Studios gekauft.

Die Ambitionen dahinter kennt Christoph Daniel, Mitbegründer des Verleihers DCM Film Distribution: «Amazon und Netflix war es immer wichtig, dass ihre Filme bei den grossen Preisverleihungen eine Rolle spielen. Nicht nur wegen der Kommerzialität, sondern wegen dem Prestige.»

Grosse Filme gehören ins Kino

Dass vor der Filmvermarktung eben immer noch das Kinoerlebnis stehe, hätten auch die beiden digitalen Player erkannt. «Der Kinoerfolg ist die Veredlung eines Films. Auch in der Wahrnehmung des Publikums ist das so: grosse Filme gehören ins Kino. Erst im zweiten Schritt folgen die nachgelagerten Auswertungsfenster.»

Netflix und Amazon ändern damit nicht das Kino, sondern was danach passiert. «Neue Geschäftsmodelle, insbesondere Streaming-Abos wie sie Amazon und Netflix anbieten, haben einen grossen Einfluss auf die bestehende Kaskade der Filmverwertung», sagt Schaumlechner. So rechnen die Streaming-Dienste nicht nur mit Einnahmen an den Kinokassen, sondern auch durch neue Abonnenten, die regelmässig zahlen.

Früh einsteigen, früh mitreden

Vermehrt macht es Amazon wie Netflix und steigt früher in der Filmproduktion ein. Sie kaufen Drehbücher, finanzieren Projekte, produzieren selber: Sie machen alles, was traditionelle Filmstudios machen.

Dabei gehe es ihnen nicht nur um Exklusivität, meint Daniel: «Je früher sie einsteigen, desto mehr Mitspracherecht haben sie bei einem Projekt und können es auch inhaltlich mitgestalten. Wenn sich Amazon Studios nicht auf einen Bieter-Wettstreit einlassen wollen, müssen sie früh in der Wertschöpfungskette einsteigen.»

Sich von Anfang an gute Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseure an Bord zu holen, sei weniger riskant, als sich beim fertigen Film gegen sechs grosse Studios und Netflix durchsetzen zu müssen.

Für Kunden, statt Zuschauer produzieren

Dabei haben die Amazon Studios und Netflix einen Vorteil: «Sie wissen, was ihre Kunden interessiert. Da sind sie den Independent-Produzenten und Verleihern voraus. Mit den Daten, die sie haben, macht es natürlich Sinn, auch selber zu produzieren.»

Bis anhin haben sich Amazon Studios und Netflix auf den englischsprachigen Markt konzentriert. Ob sie sich bald den Schweizer Markt vorknöpfen werden? «Obwohl von der Grösse her der spanischsprechende Markt mit Mittel- und Südamerika interessant wäre, tasten sie sich auch an andere Lokale Märkte an», so Daniel. In Deutschland wurde gerade eine Serie mit Matthias Schweighöfer von Amazon finanziert, und auch Netflix produziert im Moment deutsche Serien.

Auch wenn sie den Markt etwas durchrütteln, Daniel und Schaumlecher sehen Vorteile für die Zuschauer: «Mehr Player führen nicht nur zu einem grösseren Wettbewerb, sondern auch inhaltlich zu einer grösseren Diversität.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 27.2.2017, 9:00 Uhr.

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