«And the Oscar goes to …» Favoriten, Aussenseiter, Spielverderber

Wer gewinnt den Oscar? Ein Nobody oder Leonardo DiCaprio? Für Hollywood-Bosse eine Frage, an der viel Geld hängt. Denn der Oscar bringt Bares. Ein Gewinnerfilm zieht mehr Zuschauer. Doch nur bei Produktionen mit Stars. Diesmal sind aber Arthouse-Filme die grossen Favoriten.

Oscar-Figuren am Eingang eines Kinos.

Bildlegende: Die Oscars sind Gold wert. Siegerfilme werden nochmal richtig ausgeschlachtet. Reuters

Um wieviel es am 2. März im Kodak Theatre geht, zeigen allein schon die Zahlen: Circa 700 Millionen Zuschauer werden die 40 Millionen Dollar teure Show mitverfolgen. Fast zwei Millionen Dollar kostet ein 30-sekündiger Slot in den Werbepausen – ein neuer Höchstwert für Reklame im Umfeld der Oscars. Und noch ein Rekord dürfte geknackt werden: Die 100 Millionen Dollar, welche die sechs grössten Studios im letzten Jahr dafür ausgaben, um den eigenen Produktionen mit Anzeigen und Plakaten zum Sieg zu verhelfen. Nüchtern betrachtet geht es also primär um enorm viel Geld. Riesige Summen, die sich nur mit richtig guten Einspielergebnissen rechtfertigen lassen.

Beeindruckende Qualitätsdichte

Doch die Konkurrenz ist riesig, das Teilnehmerfeld glänzend besetzt. 2013 war ein richtig starker Jahrgang. Laut Michael Barker, Co-Präsident von Sony Pictures Classics, hat es so viele anspruchsvolle Filme gegeben wie seit den frühen 70er-Jahren nicht mehr. In diesem Jahr wird die Academy das Sklaverei-Drama eines britischen Künstlers zum grossen Sieger küren. Oder das Weltraum-Gedicht eines mexikanischen Autorenfilmers. Bei Hollywoods Studiobossen sorgt das für Skepsis. Denn das grosse Geld lässt sich nur mit grossen Stars verdienen. Sie sind aus Produzenten-Sicht das Startkapital, das mit einem Oscar-Gewinn vervielfacht wird.

Die drei grossen Favoriten

NominierungenPrognose
«Gravity»95-7Wird die technischen Disziplinen dominieren (Regie, Kamera,
Spezialeffekte, Schnitt, Musik, Ton, Tonschnitt) und die meisten Academy
Awards gewinnen. Aber nicht die wichtigsten …
«12 Years a Slave»103-5Bester Film, beste Drehbuch-Adaption, plus einige Darstellerpreise. Ein
Meilenstein für das «Black Cinema», wenn Steve McQueen als erster
schwarzer Spielfilm-Regisseur reüssieren würde. 
«American Hustle»102-4Lieblingsfilm der Investoren. Prämiert werden aber wohl nur das
Szenenbild und die kultigen Kostüme, nicht das Star-Ensemble rund um
Jennifer Lawrence, Christian Bale und Bradley Cooper.

Exotische Favoriten versus Hollywoods Star-Vehikel

Gemäss dieser Logik steht ein Film wie «12 Years a Slave» von Beginn weg auf verlorenem Posten. Die Hauptrollen in Steve McQueens Film spielen nämlich Chiwetel Ejiofor und Lupita Nyong’o. Namen, die wahrlich keinen Glamour verströmen. Sollte die neunfach nominierte britisch-amerikanische Koproduktion die meisten Preise gewinnen, könnte Hollywood nur wenig Profit daraus ziehen.
Natürlich würden einige Kinos den Sieger nach dem Oscar-Triumph pflichtbewusst wieder ins Programm aufnehmen. Doch die Aussichten auf ein Publikumshit im zweiten Anlauf wären ohne klingende Schauspielernamen gering. Triumphiert dagegen ein Star-Vehikel wie «American Hustle», liesse sich der Erfolg viel besser ausschlachten.

Ähnlich wie «Twelve Years a Slave» klingt auch Alfonso Cuaróns «Gravity» schwer nach Arthouse. Bei Cuaróns «Gravity» können Hollywoods Investoren aber aufatmen. Die zehnfach Oscar-nominierte Einsamkeits-Studie hat weltweit bereits über 700 Millionen Dollar eingespielt, und sich damit als echter Publikumsmagnet entpuppt. Dank Sandra Bullock und George Clooney, sagen Branchen-Kenner. Für sie steht fest: Die hohe künstlerische Qualität des dreidimensionalen Weltraum-Trips ist für dessen wirtschaftlichen Erfolg kaum ausschlaggebend gewesen.

Von Spielverderbern und Aussenseitern

Der Faktor Oscar zeigt in den USA nämlich praktisch nur als Multiplikator etablierter «Marken» wie Christian Bale, Bradley Cooper und Jennifer Lawrence richtig Wirkung. Ohne zugkräftige Namen verpufft der Schub, den ein Academy Award einem Film verschafft, dagegen häufig im Nichts.

«The Hurt Locker», mit sechs Oscars der grosse Abräumer des Jahres 2010, ist das beste Beispiel dafür. Ohne echte Stars besetzt, blieb das Bomben-Entschärfungs-Drama an den Kinokassen auch nach dem Preisregen ein Flop.
In diesem Jahr würde den Investoren ein Triumph von Alexander Paynes «Nebraska» die Party vermiesen. Obwohl sechsfach nominiert und von der Kritik gefeiert, fand das Publikum zum tragikomischen Schwarzweiss-Film mit Bruce Dern keinen Zugang.

Viel lieber als das kauzige Hollywood-Urgestein würde die Traumfabrik darum Leonardo DiCaprio siegen sehen. Bereits vor 20 Jahren war der Zuschauerliebling als Nebendarsteller nominiert. 2005 und 2007 zog er in der Sparte «Bester Hauptdarsteller» den Kürzeren.

Die sieben aussichtsreichsten Aussenseiter

NominierungenPrognose
«Dallas Buyers Club»6 2-3Matthew McConaughey und Jared Leto sind nicht zu schlagen.
«The Wolf of Wall Street»51-2Martin Scorsese holt das Beste aus Leonardo DiCaprio heraus.
«Blue Jasmine»31-2Cate Blanchett ist als nervöses Drogen-Wrack konkurrenzlos.
«Her»51-2Bestes Originaldrehbuch für die Mensch-Computer-Love-Story.
«Captain Phillips»61-2Trotz vieler Nominierungen würde ein Siegeszug überraschen.
«Nebraska»61-2Bruce Dern und June Squibb hätten das Goldmännchen verdient.
«Philomena»41-2Alexandre Desplat gehört in der Sparte Filmmusik zu den Besten.

Kampf der Womanizer um den Produzenten-Oscar

In diesem Jahr könnte DiCaprio als Titelfigur und Produzent von Martin Scorseses «The Wolf of Wallstreet» gleich doppelt abräumen. Das wäre nicht unbedingt gerecht, aber für Hollywood höchst lukrativ. Doch als Schauspieler steht ihm diesmal wohl Matthew McConaughey («Dallas Buyers Club») mit seiner eindrücklichen Performance als ausgemergelter HIV-Positiver vor der Sonne.
Bleibt also nur noch der Produzenten-Preis für den «Besten Film». Den prestigeträchtigsten Oscar des Abends wird DiCaprio aber wohl ausgerechnet ein anderer Frauenschwarm vor der Nase wegschnappen: Brad Pitt, einer der Produzenten von «12 Years a Slave».

Sollte Steve McQueens Rassismus-Studie gewinnen, ist Pitts Sieg im Produzenten-Duell mit DiCaprio allerdings nur eine Randnotiz. In die Filmgeschichte eingehen wird dann Pitts britischer Geschäftspartner: Steve McQueen als erster schwarzer Oscar-Regisseur.