«Böser Aargau?»: Meisterdieb und Ausbrecherkönig Bernhard Matter

Er ist einer der bekanntesten Tunichtgute der Schweizer Kriminalgeschichte. Wir widmen ihm Teil zwei unserer Reihe «Böser Aargau?»: Bernhard Matter. Er war schon zu Lebzeiten (1821-1854) eine Legende. Unsterblich gemacht hat ihn jedoch Liedermacher Mani Matter, der ihn als Urahnen besingt.

Zeichnung von Bernhard Matter.

Bildlegende: Unverbesserlich: der Aargauer Dieb Bernhard Matter. Foto aus: Halder Nold: Leben und Sterben des berüchtigten Gauners Bernhart Matter. Aarau 1947.

Für mi sälber mir z’erkläre,
bin i mal mym Stammboum na
ha vo undre Zweige här e
chly die Nuss probiert z’verstah.
Wär da alles mir verwandt isch,
han i gluegt, us Quelle gschöpft.
Numen eine wo bekannt isch
worde git’s: Dä hei si gchöpft.

Am 24. Mai 1854 fand auf dem Richtplatz zu Lenzburg die letzte öffentliche Hinrichtung der Aargauer Justizgeschichte statt. Der Scharfrichter Theodor Mengis von Rheinfelden machte den unverbesserlichen Dieb und Ausbrecher Bernhard Matter einen Kopf kürzer.

S’isch dr Gouner Bärnhard Matter.
Us em Aargou, win ig o.
Wenn o nid my Urgrossvatter,
Urgrossungglen allwäg scho.
Dä het da, vor hundert Jahre,
üsem Gschlächt e Wäg bestimmt,
win i jitz ersch ha erfahre,
dass eim nüt meh wundernimmt.

Bernhard Matter war weder Urgrossvater noch Urgrossonkel des Berner Liedermachers. Mani Matter stellte dies in einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 1973 klar. Es habe den Bernhard Matter tatsächlich gegeben und es sei auch alles richtig, was er über ihn erzähle. Aber: «Ein kleines Detail nur – dass er mit mir verwandt ist ... Ich will ja nicht sagen, es sei nicht wahr, schliesslich hiess er auch Matter. Aber das ist eigentlich der einzige Anhaltspunkt.»

Är het i sym Läbe gstole,
was im isch id Finger cho.
Und was nid isch cho ga z’hole,
het är gärn d’Müe uf sech gno.
Isch gar mängisch z’nacht ydrunge,
dür ne Hüenerstall i ds Hus -
und isch mit zwo gröikte Zungen
und zäh Gulddukate drus.

Bernhard Matter soll bereits als Kind im Aargauer Dorf Muhen ein unzähmbarer Bengel gewesen sein und eine gewisse kriminelle Energie an Tag gelegt haben. Er schwänzte häufig die Schule und als 15-Jähriger stand er zum ersten Mal vor Gericht. Er hatte einem Aarauer Juwelier vier Goldringe gestohlen. So ähnlich machte er dann weiter.

In den zeitgenössischen Schilderungen wird er als einer beschrieben, der beinahe alles klaute, was nicht niet- und nagelfest war. Dabei erwarb er sich auch den Ruf als eine Art Robin Hood. Angeblich soll er ausschliesslich reiche Leute bestohlen haben und war dann mit dem Diebesgut gegenüber ärmeren Menschen ausserordentlich freigiebig.

Drü- viermal het me ne gfange,
het ne ds Gricht i ds Gfängnis gsteckt.
Aber är, s’isch nid lang gange,
het e Fluchtwäg gäng usgheckt.
Die Diät vo Brot und Wasser,
het er ungärn zue sech gno
und het alls dra gsetzt, für dass er
in e Bessri Peiz isch cho.

Entscheidend zur Legendenbildung beigetragen haben seine mehr oder weniger erfolgreichen Ausbruchsversuche. Verurteilt zu 16 Jahren Kettenhaft, brach er aus der Strafanstalt Baden aus. Bald darauf sollte er eine 20-jährige Strafe in Lenzburg verbüssen. Doch auch da fand er einen Weg in die Freiheit.

Die Menschen in seinem Heimatdorf waren jeweils bereit, Bernhard bei sich zu verstecken. Dennoch wurde er bald wieder verhaftet und in der Festung Aarburg eingekerkert. Drei erfolglose Ausbruchsversuche hat er unternommen, bevor der vierte dann gelang.

Das het müesse ds Gricht verdriesse,
es het zletscht Befähl erla -
nid die Gfängnis besser z’bschliesse,
nei däm Schelm dr Chopf abzschla.
Ds halben Aargou isch cho gschoue,
win es Schwärt dr oberscht Bitz
vo mym Vorfahr het abghoue,
wi vom weichen Ei dr Spitz.

Ein Jahr nach der Flucht aus der Festung Aarburg wurde Bernhard Matter wieder verhaftet. Ein Bürger, dem sein Lebenswandel nicht gefiel, soll ihn verraten haben. Angeblich war Matter nicht nur ein notorischer Dieb, sondern ein ebensolcher Schürzenjäger.

Nach seiner neuerlichen Verhaftung wollte das Gericht nun offenbar ein Exempel statuieren. Es verurteilte Bernhard Matter im April 1854 zum Tode. Dieses Urteil war nicht unumstritten; in diversen Schweizer Kantonen war die Todesstrafe zu jener Zeit bereits abgeschafft. Nicht jedoch im Aargau, was dem Meisterdieb und Ausbrecherkönig nun zum Verhängnis wurde. 2000 Schaulustige sollen sich auf den Richtplatz in Lenzburg eingefunden haben, als Bernhard Matter mit dem Schwert hingerichtet wurde.

Drumm chan i nüt garantiere,
was’s us mir no alles git.
S’cha no mängs mit mir passiere,
denn da spilt d’Vererbig mit.
Und we dir ds Gfüel heit, dertdüre
chönn nech sicher nüt ebcho.
S’chunnt uf ds mal en Unggle füre,
wo dir nüt heit gwüsst dervo.
S’chunnt uf ds mal en Unggle füre,
wo dir nüt heit gwüsst dervo.

Aus heutiger Sicht scheint der Fall einigermassen absurd. Bernhard Matter war zwar ein unverbesserlicher Dieb. Jedoch hat sich der grosse kräftige Kerl nie eines Gewaltverbrechens schuldig gemacht. Er soll nie jemanden verletzt, geschweige denn getötet haben.

Das Todesurteil und seine Vollstreckung waren wohl eher ein Ausdruck von Ratlosigkeit der damaligen Justiz, wie einem solch unverbesserlichen Tunichtgut beizukommen wäre.

«Böser Aargau?»

Anlässlich der Krimiserie «Der Bestatter», die im Aargau spielt, machen wir uns auf die Suche nach dem Verbrechen im Mittelland und berichten über drei historische Kriminalfälle, die über den Aargau hinaus Aufsehen erregt haben:

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