«Carrie»: Ein Horror-Klassiker wird zur Teenie-Schmonzette

Ein Mobbingopfer schwört blutige Rache. Carrie ist zurück. 35 Jahre nach dem Originalfilm von Brian De Palma, wagt sich Regisseurin Kimberly Peirce an den Horror-Klassiker. Leider geht das gründlich daneben.

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Filmbesprechung: «Carrie»

1:52 min, vom 5.12.2013

Die Geschichte

Demütigungen und Hänseleien stehen bei der 16-jährigen Carrie White auf der Tagesordnung. In der Schule ist sie der Klassenfreak. Auch zu Hause ist die Aussenseiterin nicht sicher. Ihre Mutter, eine religiöse Fanatikerin, sperrt sie regelmässig in eine dunkle Kammer, um ihr die sündigen Gedanken auszutreiben. Als sie feststellt, dass Carrie telekinetische Fähigkeiten entwickelt, glaubt sie, ihre Tochter sei eine Hexe. Je mehr Carrie gequält wird, desto stärker werden die Kräfte. Mit diesen rächt sie sich an ihren Peinigern.

Der kitschigste Dialog

«Sie sind wunderschön.» – «Du bist wunderschön!», sagt Sonnyboy Tommy, der auf Bitten seiner Freundin mit Carrie zum Abschlussball geht.

Ein Wortwechsel, der so klingt, als wäre er aus einem Groschenroman kopiert worden. Leider nicht der einzige.

Fakten, die man wissen sollte

Die Geschichte der gequälten Carrie stammt von keinem geringeren als dem Horror-König höchst persönlich: Stephen King, damals im Jahre 1974, noch völlig unbekannt. Dass es «Carrie» aber überhaupt in die Buchläden schaffte, ist seiner Frau Tabby zu verdanken. Nachdem King die ersten paar Seiten des Romans – übrigens sein erster – geschrieben hatte, warf er sie kurzerhand wieder in den Mülleimer. Seine Frau überzeugte ihn schliesslich, «Carrie» zu Ende zu schreiben.

1976 brachte Regisseur Brian De Palma die Horrorgeschichte auf die Kinoleinwand. Der Gruselschocker schlug ein wie eine Bombe und brachte sowohl De Palma als auch King den Durchbruch. Für ihr legendäres Mutter-Tochter-Schauspiel wurden Sissy Spacek und Piper Laurie für den Oscar nominiert. Noch heute zählt «Carrie» zu den Klassikern des Horrorkinos.

Die Regisseurin

Die Regisseurin lehnt sich an das Auto, in welchem die Schauspielerin sitzt.

Bildlegende: Die Regisseurin Kimberly Peirce mit der Schauspielerin Chloë Grace Moretz beim Dreh. Sony Pictures

Kimberly Peirce ist 1967 in Harrisburg, Pennsylvania geboren. Ihr bisher grösster Erfolg war ihr Spielfilmdebüt «Boys Don’t Cry», der die wahre Geschichte eines Transsexuellen portraitiert. Der Hauptdarstellerin Hilary Swank brachte die Rolle 1999 den Oscar. Peirce hat sich auf Aussenseiter spezialisiert. «Carrie» passt genau ins Schema der US-Regisseurin.

Das Urteil

Kimberly Peirces Remake von «Carrie» ist völlig misslungen. An einigen Stellen masslos übertrieben und kitschig, an anderen Stellen einfach nur unsinnig. Fast hat man das Gefühl, es handle sich hier um eine Parodie, als um einen ernstzunehmenden Horrorfilm.

Insgesamt bleibt die Neuverfilmung dicht am Original. Zwar versucht Peirce an die Gegenwart anzuknüpfen, ist dabei aber wenig konsequent. Beispiel: Die Klassenkameraden verbreiten ein selbstgedrehtes Handyvideo der blossgestellten Carrie – klassisches Cyber-Mobbing. Das Ganze bleibt aber ohne wirkliche Folgen.

Trotz vieler Erfahrungen mit blutigen und harten Filmen («Kickass»,«Let Me In»), ist die hübsche Chloë Grace Moretz eine Fehlbesetzung. In der Rolle des geplagten Opfers wirkt die 16-Jährige unglaubwürdig. Ihre Darstellung wirkt übertrieben und oberflächlich. Julianne Moore dagegen kann man nur loben. Sie ist die einzige authentische Figur im Film. Aber auch das kann «Carrie» nicht retten.

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