Der Kampf der fünf Mädchen in «Mustang» geht unter die Haut

Im «Mustang» rebellieren fünf junge Schwestern, Wildpferden gleich, gegen die frauenverachtenden Strukturen in der türkischen Provinz. Der Preis für ihren Kampf um Selbstbestimmung ist allerdings hoch. Zu Recht ist dieser eindrückliche Film als bester fremdsprachiger Film für die Oscars nominiert.

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«Mustang» - Ein Film gegen patriarchale Strukturen

4:32 min, aus Kulturplatz vom 10.2.2016

Ein Mustang – ein Wildfang – das ist Lale, die jüngste der fünf bildschönen Schwestern, die als Waisen bei ihrer Grossmutter in der türkischen Provinz am Meer aufwachsen. Die ungebremste Freude am Leben der Schwestern wird jäh gestoppt, als ihr Onkel zu ihnen aufs Land zieht. Fest davon überzeugt, die Grossmutter habe die Erziehung nicht im Griff, macht er sich daran, die heranwachsenden Frauen zu disziplinieren.

Die jüngste der fünf Schwestern: Lale

Bildlegende: Die jüngste der fünf Schwestern: Lale (Güneş Nezihe Şensoy). Quinzaine des Réalisateurs

Von nun an gelten seine äusserst konservativen Regeln: keine bunte oder gar aufreizende Kleidung, kaum Kontakt zur Aussenwelt – schon gar nicht zum anderen Geschlecht. Und damit eng verknüpft eine möglichst schnelle Eheschliessung.

Ein frauenverachtender Ort

Die Diskrepanz zu ihrem vorherigen Leben ist drastisch, der Umgang der einzelnen Mädchen damit äusserst unterschiedlich. Während sich Selma still ihrem Schicksal ergibt, gelingt Sonay das kleine Wunder, wenigstens den Mann heiraten zu dürfen, den sie bereits kennt und liebt.

Doch die «Gefangenschaft», in die der Onkel seine Nichten nimmt, treibt eines der Mädchen schliesslich in den selbstgewählten Tod. Lale versucht von nun an alles, um von diesem frauenverachtenden Ort zu fliehen – in ein Leben, das es wert ist, gelebt zu werden.

Wer hat Angst vorm bösen Mann?

Regisseurin Deniz Gamse Ergüven schlägt von Anfang an, trotz Tragik, eher fröhliche Töne an, die dem Naturell ihrer Protagonistin und deren Schwestern entsprechen, und die sich gleich einer leisen Melodie durch den Film ziehen.

Während die Handlung einen immer dramatischeren Verlauf nimmt, bleibt die Erzählung angemessen leichtfüssig, manchmal sogar heiter. Bei aller Strenge, die das neue Leben der Mädchen bestimmt, ist ihre lebensbejahende Haltung nicht zu bändigen.

Erzählt wird das in märchenhaften Bildern, die Kindheit, Unschuld und Freude transportieren. Und aus der Perspektive von Lale, in deren Leben der Onkel erscheint, wie im Kinderspiel: «Wer hat Angst vorm bösen Mann?» – «Niemand!» Doch wenn er tatsächlich kommt, so wie in «Mustang», dann braucht es sehr viel Mut, um davon zu laufen.

Hat mit «Mustang» ihren ersten Langfilm realisiert: Regisseurin Deniz Gamse Ergüven.

Bildlegende: Hat mit «Mustang» ihren ersten Langfilm realisiert: Regisseurin Deniz Gamse Ergüven. Deborah Zieba/Quinzaine Des Réalisateurs

Denn das ist das wirklich Tragische an dieser Geschichte, die in der türkischen Gesellschaft sicher keinen Einzelfall darstellt: dass die Frauen – die Grossmutter, die Tanten, die Nachbarinnen – mitmachen und die patriarchalen Strukturen weiter stützen.

Kleines Meisterwerk

Dieser französisch-türkische Film ist eine Entdeckung und während beim Schauen das Taschentuch durchnässt wird, verliebt man sich gleichzeitig in diese fünf Mädchen. Ein kleines Meisterwerk, stellvertretend für alle Mädchen und Frauen, die sich wehren müssen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.