Der Tausend-Geschichten-Mann

In der Verfilmung des Comic-Romans «Watchmen» fehlt im Abspann der Name Alan Moore – bewusst. Wer ist der Mann, der sich das epochale Superhelden-Epos in den 1980-Jahren erdacht hat und der seinen Namen für immer aus allen Hollywood-Zusammenhängen getilgt haben will?

In der Verfilmung des Comic-Romans «Watchmen» fehlt im Abspann der Name Alan Moore.

Bildlegende: In der Verfilmung des Comic-Romans «Watchmen» fehlt im Abspann der Name Alan Moore. zvg

«The League of extraordenary Gentlemen», «From Hell», «V for Vendetta», «Watchmen» – der Comic-Szenarist Alan Moore mag keinen der Filme die Hollywood aus seinen Vorlagen gezimmert hat. Nicht einen. Doch ist er allzu sehr Gentleman, als dass ihn Gier und Ignoranz der Traumfabrik zum geifernden Gegner gemacht hätte. Moore schwebt über den Dingen. Umflort von Geheimnissen sind sowohl die reale Person wie auch seine Arbeit, Systeme und Fiktionen. Das macht den Autor und seine Welten zum Gegenstand endloser Spekulation, und wie ein Selbstläufer wuchert das Werk fleissig weiter.

Erste Gehversuche

1953 wurde Moore in Northampton, Grossbritannien, wo er noch heute lebt, in bescheidene Verhältnisse hineingeboren. Früh schon blitzgescheit und arg belesen wurde er doch von der Schule geschmissen: Erste Erfahrungen des Arbeiterkindes mit dem britischen Klassensystem. Es folgten Jahre im Dreck, unter anderem als Toilettenschrubber im Grand Hotel. Nach Anfängen als Zeichner und Texter für Underground-Fanzines konzentrierte Moore sich bald aufs Schreiben. So versuchte er sich, seine Frau und die zwei Töchter als Szenarist für britische Comic-Reihen über die Runden zu bringen.

Obwohl sein Aussehen – Gandalf-Bart und wilde Mähne – bis heute an einen wirren Hippie denken lässt, ist Moore doch sehr viel mehr und vor allem ganz anders. Seine besondere Vorliebe für naive Superhelden- und Horror-Comics passt schon mal schlecht zum Image eines Blumenkindes. Doch waren es gerade die simplen Storys, die Moore jene Ökonomie lehrten, das Potenzial des Mediums Comic voll auszuschöpfen. So dekonstruierte er mal locker Batman & Co und was übrig blieb, kochte er mit Shakespeare (blutiger Barock), Victor Hugo (Romantik), William S. Burroughs (Drogen), Pynchon (Verschwörungstheorie) und Captain Beefheart (Harmonielehre) zu einem magischen Fond zusammen.

Abrechnung mit Maggie Thatchers Neoliberalismus: Alan Moore's Rächer-Serie «V for Vendetta».

Bildlegende: Abrechnung mit Maggie Thatchers Neoliberalismus: Alan Moore's Rächer-Serie «V for Vendetta». Quality Comics/David Lloyd

Vom Toiletten-Schrubber zum Szenaristen-Superstar 

Mit der Rächer-Serie «V for Vendetta» – eine Abrechnung mit Maggie Thatchers Neoliberalismus – festigte sich Moore Ruhm als Autor in den frühen 80er-Jahren über die Insel hinaus. In den USA nahm ihn darauf der Comic-Grossverlag DC unter Vertrag. In diesem wenig experimentierfreudigen Umfeld gelang es Moore, die komatöse Reihe «Swamp Thing» zu retten und in ein Zugpferd für DC zu verwandeln.

Der Aufstieg zum Szenaristen-Superstar folgte. Experimente mit Produktformen, Stilen und Themen wurden möglich, und weil zusammen mit Moore auch andere, von der europäischen Erzähltradition beeinflusste britische Zeichner und Texter nach Amerika drängten, führte das zu einem enormen Kreativitätsschub. In der Folge erschloss Moore dem Sprechblasen-Medium mit seinen Pynchon-mässigen Szenarien nicht nur neue Leser, sondern verhalf dem kulturellen Kellerkind zu höheren Weihen.

In «Watchmen» dekonstruierte er Mitte der 80er-Jahre das Superheldengenre, das damals die Unschuld endgültig verlor. Es folgte das Jack-The-Ripper-Opus «From Hell», das die Quersumme sämtlicher Pulp-Genres im Kleide des Viktorianismus transzendierte. Noch mehr unorthodoxe Superhelden gab es in «The League of Extraordinary Gentlemen», in dem Moore im Namen Queen Victorias zum A-Team versammelte, was in der Abenteuerliteratur der Belle Epoque Rang und Namen hat: Alan Quatermain, Captain Nemo, Dorian Gray, Dr. Jekyll/Mr. Hyde. «Lost Girls» schliesslich vereinte klassische literarische Frauenfiguren wie die Alice aus «Alice im Wunderland», Wendy aus «Peter Pan» und Dorothy aus «The Wizzard of Oz» zu einem Trio, das 1913 in einem rauschhaften Zauberberg-Reigen handfest in Pornowelt eingeführt wird.

Gegen Hollywood 

Mehr als einmal haben in dieser Zeit Grossverlage versucht, ihm die Regeln zu diktieren. Immer wieder hat Moore deshalb die Brücken abgebrochen, sich verselbstständigt und Wendungen vollzogen, die seine Antagonisten (und bisweilen auch seine Bewunderer) ratlos zurückliessen. Als die Filmindustrie in ihrem Hunger nach verwertbaren Stoffen an Moore gelangte, um ihn zur Mitarbeit zu gewinnen, winkte er ab. Weil aber die Rechte sich im Besitze der Verlage befinden, konnte er die Hollywood-gerechte Aufbereitung seiner Kreationen nicht verhindern.

Szene aus dem Film The Watchmen

Bildlegende: «The Watchmen»: Alan Moore konnte die Hollywood-Aufbereitung seiner Kreationen nicht verhindern. Warner Bros.

Nachvollziehbar ist seine Abneigung im Falle von «The League of Extraordinary Gentlemen» (2004) durchaus. «From Hell» (2001) wiederum war kein schlechter Film. Doch das Regie-Gespann Albert und Allan Hughes zeigte sich dem Jack-The-Ripper-Stoff, so wie ihn Moore in zehnjähriger Arbeit ausgebreitet hatte schlicht nicht gewachsen.

Negativ urteilte Moore 2005 auch über «V for Vendetta», der auf das Konto der «Matrix»-Erfinder Andy und Larry Wachowski geht. Obwohl stellenweise flottes Popcorn-Kino, wollte Moore auch mit diesem Film nicht in Verbindung gebracht werden. Geradezu lächerlich sei die Umsetzung seiner Vorlage ausgefallen, die, zwischen 1982 und 1989 erschienen, in Grossbritannien den Status einer Anarchisten-Bibel geniesst. Zuletzt war es nun Zack Snyder gewesen, der sich mit seiner «Watchmen»-Verfilmung Moores Ungnade ausgeliefert hatte.

Wort und Magie

Doch aus solchen Hollywood-Verwertungszusammenhängen hat sich Moore verabschiedet. 1993 erklärte er allen Ernstes, fortan als Magier (!) dem Schlangengott Glycon (!!) huldigen zu wollen. In einem Interview erklärte Moore dazu: «Glycon ist das Symbol, durch das ich meine Ideen über das Universum ausdrücke. Für mich ist er sehr real. Aber es gibt keine Mission, niemand soll an ihn glauben, es gibt nur einen Mann in meiner Kirche, und der bin ich selbst.» Was hier wie die Erweckungserlebnisse eines Übergeschnappten rüberkommt, klingt als Erklärung für Moores ausdauernden Enthusiasmus und all die schönen Geheimnisse, die jedes seiner Bücher bergen, plausibel, witzig und gleichzeitig vollkommen irre.

«Man kann nicht wirklich über Magie sprechen, ohne verrückt zu wirken. Dabei ist es eine Fortführung von allem, was ich sowieso schon die ganze Zeit gemacht habe. Ich ordne Worte oder Bilder auf eine bestimmte Weise an, um damit das Bewusstsein meines Publikums zu verändern. Man muss sich nur den Grossteil der sogenannten Magie ansehen, um zu erkennen, dass sie sich stark auf die Manipulation von und durch Sprache stützt. Als Magier beschäftigt man sich mit Beschwörungen und Anrufungen; als Poet tut man eigentlich dasselbe», sagte Moore einst.

Metastasen im Kulturbetrieb

Moore interessiert die Inthronisierung zum Klassiker nicht. Auch die damit einhergehende Simplifizierung seiner Stoffe ist ihm ein Graus. Vielmehr sind seine Bilder, Ideen und Worte Kunstwerke die weiterwachsen und im Kulturbetrieb unkontrolliert Metastasen bilden. Könnte Moores Konversion zur Magie demnach der Versuch sein, als Quasi-Irrer weiterhin frei die Möglichkeiten der Popkultur nutzen zu können? Und dies, ohne das Schicksal einer anderen Magierin, der Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling zu erleiden, die wohl dazu verdammt ist, bis ans Ende ihrer Tage an der Erweiterung von Hollywoods Produktepalette arbeiten zu müssen? Wenn ja, dann ist ihm das vorläufig ganz gut gelungen.

Sendungshinweis

«Watchmen» läuft am 22. Mai 2013 um 23:40 Uhr auf SRF zwei.