Die wundersame Welt des Studio Ghibli verliert ihre Chefzeichner

Hayao Miyazaki und Isao Takahata vom Studio Ghibli haben den Animationsfilm wie niemand sonst geprägt – und ziehen sich nun zurück. Das Duo hinterlässt einen unglaublich reichen Filmkatalog. Und ein Produktionsstudio, das hoffentlich in gleicher Manier weitergeführt wird.

Still aus einem Anime-Film: Ein Mann mit Hut steht neben einem jungen Mann mit Brille.

Bildlegende: Eine Szene aus Miyazakis Anime-Film «The Wind Rises». Keystone

Das Studio Ghibli gilt für viele als das beste Animationsfilmstudio der Welt. Mit Filmen wie «Mein Nachbar Totoro», «Die letzten Glühwürmchen» oder «Prinzessin Mononoke» wurde das Studio auch ausserhalb von Japan immer bekannter. Ein Garant für einzigartige Animationsfilme.

Anime, wie die japanische Animationsfilme heissen, wurden lange Zeit nur von einem kleinen Liebhaberpublikum wahrgenommen. Als Hayao Miyazakis Film «Chihiros Reise ins Zauberland» 2003 aber als erster nicht englischsprachiger Animationsfilm einen Oscar gewann, änderte sich diese Wahrnehmung. Das Studio Ghibli hatte das Eis gebrochen.

Ein Labor für Experimente

Die bekanntesten Filme aus dem Hause Ghibli stammen fast alle aus ihren Federn: Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Um sich ganz von der Industrie zu lösen, gründeten die zwei 1985 ihr eigenes Studio – ein Labor für Experimente. Ein Ort, wo sich Takahata und Miyazaki verwirklichen konnten und neuen Talenten Platz bieten konnten.

Kennengelernt hatte sich das künstlerische Duo rund zehn Jahre zuvor. Bei Toei, einem Studio, das unter anderem animierte TV-Serien produzierte. Schon bei Toei erprobten sie ihre Kreativität: Takahata, der französische Literatur studiert hatte und Miyazaki, Ökonom und Politikwissenschaftler, nahmen statt japanischer Mangas (Comics) Werke der europäischen Literatur als Vorlage. Daraus zeichneten sie dann animierte TV-Serien. «Heidi» von Johanna Spyri ist ein Beispiel dafür.

Kunst und Fantasie im Vordergrund

Das Studio Ghibli ist benannt nach einem heissen Wüstenwind – und einem italienischen Flugzeugmotor. Passend dazu konnten unter seinem Dach Filme entstehen, die sonst in der kalten und festgefrorenen Filmindustrie Japans keine Chance gehabt hätten.

Für die beiden Chefzeichner Miyazaki und Takahata standen schon immer die Kunst und die Fantasie im Vordergrund. Erst in einem zweiten Schritt wurde über mögliche Absatzmärkte nachgedacht. Deshalb setzte Studio Ghibli während der Produktion oft auf Quer- und Doppelfinanzierungen. «Mein Nachbar Totoro», heute einer der Kultfilme aus dem Studio, konnte nur im Fahrwasser von «Die letzten Glühwürmchen» produziert werden.

Zwei Abschiedsfilme zweier Legenden

Im Herbst lief nun Hayao Miyazakis «definitiv letzter» Film. Zuvor hatte er schon mehrmals seinen Rücktritt verkündet und immer wieder einen weiteren Film gemacht. In «Wenn der Wind sich hebt» schwelgt der Sohn und Neffe von Flugzeugbauern noch einmal seiner Leidenschaft, dem Fliegen.

Isao Takahata schenkt der Filmwelt zum Abschied eine lyrische Ode an die japanische Volkskultur. Mit wunderschönen Tuschelinien und Aquarellcolorierungen erzählt er «Die Legende der Prinzessin Kaguya», eine japanische Legende aus dem 10. Jahrhundert über einen alten Bambussammler und eine Mondprinzessin. Der Film kommt nun, pünktlich zu Weihnachten, in die Kinos.

Wie geht es weiter mit Studio Ghibli?

Nun ziehen sich Takahata und Miyazaki zurück. Fans befürchten das Schlimmste für das Studio Ghibli. Aber es stehen schon weitere Akteure bereit, zum Beispiel Miyazakis Sohn Goro. Das Studio hat verkündet, es werde eine Pause machen und umstrukturieren – und dann wieder kommen.

Auch Disney musste sich nach Walt Disneys Tod wieder neu erfinden. Wir dürfen also hoffen – und in der Zwischenzeit natürlich alle Filme Miyazakis und Takahatas wieder anschauen. Welch' ein Vergnügen!

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