Ein biederer TV-Polizist schreibt Fernsehgeschichte

Der Schöpfer der Krimi-Serie «Der Alte» hatte eine künstlerische Vision: In unruhigen Zeiten präsentierte er dem Publikum eine ungewöhnlich gewöhnliche Ermittlerfigur. Und der Krimi entwickelte sich zum Dauerbrenner – seit 40 Jahren.

Mann mit Hut und Anzug kniet neben weiblicher Leiche.

Bildlegende: Siegfrid Lowitz war als Kommissar Köster in 100 Folgen im Einsatz. srf/ZDF

Das Label «Qualitätsserie» geistert seit einigen Jahren durch die Feuilletons. Was diese auszeichnet, ist ihre erzählerische Komplexität, Innovation, Tabubrüche und eine erkennbare künstlerische Handschrift – wie dies beispielsweise bei «Mad Men» oder «Breaking Bad» der Fall ist. Ihr Ziel: den Zuschauer herausfordern.

Das von SRF koproduzierte Format «Der Alte» entspricht kaum diesen Kriterien, kommt deshalb im Feuilleton wenig vor – und ganz sicher nicht im Zusammenhang mit dem Label «Qualitätsserie». Dennoch läuft der Krimi seit 40 Jahren am TV – erfolgreich.

Die künstlerische Vision von Helmut Ringelmann

Dass dies so kommen würde, daran hatten nicht alle geglaubt. Produzent Helmut Ringelmann musste kämpfen für seine Serie. Die Verantwortlichen vom ZDF überzeugte die Ausgestaltung der beiden Hauptfiguren nicht, die Besetzungsvorschläge Erik Ode und Horst Tappert hielten sie für Quotengift. Und auch bei Siegfried Lowitz gab es Widerstände – er sei unbeliebt in der Branche.

Doch Helmut Ringelmann setzte sich mit seiner Besetzungsidee durch. Mit Siegfried Lowitz als Hauptkommissar Köster präsentierte er dem Publikum einen Ermittler, der ein radikales Gegenprogramm zum Zeitgeist verkörperte. Durch Deutschland verliefen in den 1960er- und 1970er-Jahren tiefe Gräben zwischen den einzelnen Generationen und ihren Lebenskonzepten. Restlos alles wurde in Frage gestellt, am meisten die Patriarchen.

Drei mittelalterliche Herren als Krimihelden

In solchen Zeiten drei mittelalterliche, ruhige Herren mit schütterem Haupthaar zum Krimihelden zu machen, entpuppte sich als genialer Schachzug um den Mainstream für sich zu gewinnen. Die Deutschen müssen sich nach Jahrzehnten hochgekochter und zerstörerischer Emotionalität nach Ruhe gesehnt haben. Doch Ringelmann verabreichte der Kriegsgeneration nicht einfach visuelles Valium. Er konfrontierte das Publikum vielmehr mit den Themen der Zeit, den vorhandenen gesellschaftlichen Brüchen.

Es ist kein Zufall, dass es in der Amtszeit von Köster von zornigen jungen Männern und distanzierten Vätern nur so wimmelt. In Folge 2 «Jack Braun» heuert der titelgebende Protagonist drei Kriminelle an und schiebt seinem Vater einen Mord in die Schuhe: Für den Herrenmenschen wäre Gefängnis schlimmer als der Tod. Das Motiv des Sohnes: Abgrundtiefer Hass auf den Patriarchen. Die Folge wurde am 17. April 1977 ausgestrahlt. In den Folgemonaten begab sich die RAF auf eine Strafaktion gegen die Machtelite Deutschlands und richtete dabei ein Blutbad an.

Der Alte und das buddhistische Prinzip

Die Parallelen zwischen Fiktion und Realität sind augenscheinlich, auch wenn der Generationenkonflikt auf der privaten Ebene abläuft. Köster registriert das Machtgehabe des Vaters, einem Alt-Nazi, hält kurz inne, entscheidet sich bewusst gegen eine Verschärfung des Gesprächstons und behält dadurch den Faden in der Hand.

Der Moment von Innehalten und Entscheidung ist kurz, aber sehr bewusst geschrieben und inszeniert worden. Was Köster in diesem Moment praktiziert, ist Achtsamkeit. Ohne es zu Wissen hat «der Alte» ein buddhistisches Prinzip verinnerlicht: Köster grenzt sich sichtbar vom herrischen Patriarchen ab, ohne ihn zu provozieren. Angesichts des damaligen gesellschaftlichen Klimas muss dieser bundesdeutsche Buddha eine Wohltat für das Mainstreampublikum gewesen sein.

Das Fundament für einen Dauerbrenner hatte Helmut Ringelmann gelegt – während der letzten 40 Jahre hat die Serie funktioniert. Und Fortsetzung folgt.

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