Im Kino: «O Ornitólogo» Ein Ornithologe bekommt Vögel

Er verirrt sich, verliert sich, macht sich schuldig: Ein portugiesischer Filmemacher überlässt seinen Protagonisten barbusigen Amazonen und chinesischen Pilgermädchen.

Mann in Wasser blickt hoch.

Bildlegende: Fernando trifft im Dschungel jede Menge schräge Vögel. Cinématheque

Fernando, ein portugiesischer Ornithologe, ist mit dem Kajak unterwegs auf einem Fluss, auf der Suche nach wilden Störchen. Er kentert in den Stromschnellen und wird von zwei verirrten chinesischen Santiago-Pilgerinnen gerettet.

Er verspricht, sie aus dem Wald zurück über die spanische Grenze zu führen. Aber am nächsten Tag erwacht er kunstvoll gefesselt, die Füsse im Wasser zwischen den Bäumen stehend.

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«O Ornitólogo» (Trailer)

1:43 min, vom 18.7.2017

Eine seltsame Reise

«O Ornitólogo» von João Pedro Rodrigues hat einen unschuldigen Titel. Der Film nimmt jedoch immer mehr die Gestalt der einschlägigen Survival-Klassiker an. Zunächst denkt man an John Boormans «Deliverance», später auch an «The River Wild» mit Meryl Streep.

Fernandos Reise wird seltsamer und seltsamer, der Wald immer dichter, die Felsen immer höher. Er stösst auf seltsame nächtliche Rituale und auf einen stummen Ziegenhirten namens Jesus.

Er verirrt sich, verliert sich, macht sich schuldig. Schliesslich gerät er gar drei barbusigen berittenen Amazonen vor die Flinte, die ihn lateinisch ansprechen und Antonius nennen.

Mann in Unterwäsche lauert im Wasser und hält einen Rucksack über Wasser.

Bildlegende: Kajak, Campingausrüstung und Ziegen: Für den grössten Teil der Handlung reichen wenige Dinge. Cinémathèque

Wer jetzt noch nicht begriffen hat, dass wir es mit der Legende des heiligen Antonius in sehr verfremdeter Form zu tun haben, ist wohl nicht katholisch und sicher kein Portugiese.

Einfach und raffiniert

«O Ornitólogo» mag mit seinen Drehorten im Wald, am Fluss und in der Felsenlandschaft ein logistischer Alptraum gewesen sein. Ansonsten aber ist der Film eben so einfach wie raffiniert gebaut. Ein Kajak, ein bisschen Campingausrüstung und ein paar bunte Kostüme und Ziegen reichen für den grössten Teil der Handlung.

Schliesslich steht für eine Sequenz gegen Ende des Films noch die halbe Tierpräparat-Sammlung irgendeines Museums im Wald, vom ausgestopften Leoparden auf einem Baum bis zur abgeschabten Giraffe und einem schon etwas schäbigen Nashorn.

Schattengestalt geht auf Tunnelöffnung zu.

Bildlegende: Eigentlich wollte er nur Vögel beobachten. Cinémathèque

118 seltsame Minuten

Der heilige Antonius von Padua wurde Ende des 12. Jahrhunderts in Lissabon als Fernando in eine adlige Familie geboren. Er studierte Theologie und bereiste schliesslich als Franziskanermönch Europa und Afrika. Gestorben ist er in Padua.

In Padua endet denn auch der Film «O Ornitólogo», wenn der einstige Ornithologe Fernando mit dem von ihm auferweckten toten Bruder von Jesus am Ortsschild vorbei in die Stadt marschiert. Auf der anderen Strassenseite winken fröhlich die zwei chinesischen Pilgermädchen, die ihm zu Beginn seiner Reise noch die Kastration angedroht hatten.

Der heilige Antonius ist angekommen und der Film ist nach 118 seltsamen, verwirrenden, aber auch spannenden und zuweilen erfrischend komischen Minuten am Ende. Am Filmfestival Locarno wurde João Pedro Rodrigues vergangenes Jahtr für «O Ornitólogo» als bester Regisseur ausgezeichnet.

Kinostart: 13.7.2017

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.07.2017, 16:50 Uhr