Film-Tipp des Tages: Tomboy

Als die Kinder an ihrem neuen Wohnort die zehnjährige burschikose Laure für einen Knaben halten, widerspricht sie nicht und tritt einen Sommer lang als Mickäel auf. Feinfühliges Drama.

Eine Gruppe Jungs und im Vordergrund Laure.

Bildlegende: Darf mitspielen: Zoé Héran als Laure/Mickäel (vorne l.) SRF/Agora Films

Die zehnjährige Laure (Zoé Héran) ist mit ihrer Familie in eine neue Wohnung gezogen. Die Mutter (Sophie Cattani) ist hochschwanger mit dem dritten Kind, der Vater (Mathieu Demy) oft bei der Arbeit. Laure und ihre kleine Schwester Jeanne (Malonn Lévana) nutzen die freie Zeit, die ihnen bis zum Ende der Sommerferien noch bleibt, um sich in der Nachbarschaft einzuleben.

Als die burschikose Laure sich das erste Mal getraut, sich einer Kindergruppe anzuschliessen, glauben die anderen, sie sei ein Knabe – ein Missverständnis, das Laure nicht auflöst. Von nun an tritt sie als Mickäel auf. Heikle Situationen wie im Freien pinkeln oder baden meistert Laure/Mickäel gekonnt, und beim Fussball kann sie locker mit den Burschen mithalten.

Die unvoreingenommene Jeanne deckt ihre Schwester, sowohl in der Kindergruppe wie auch bei den Eltern. Als sich Lisa (Jeanne Disson) für Mickäel zu interessieren beginnt, wird es für Laure/Michäel aber immer enger. Und dann naht auch der Schulbeginn, und Laure weiss, dass ihr Schwindel irgendwann auffliegen wird.

Eine leichte, beeindruckende Inszenierung

Ein Knabe in einem Mädchenkörper, oder ein Mädchen, das sich den konventionellen Vorstellungen entzieht, das sieht man verhältnismässig selten im Kino. Die Frage, ob Laure nun wirklich ein Junge sein möchte oder wie alle anderen Kinder einfach am Ausprobieren ist, lässt die Filmemacherin Céline Sciamma in ihrem zweiten Spielfilm «Tomboy» in der Schwebe.

Vielmehr interessiert sie sich dafür, wie Geschlechterrollen sich im Kindesalter formieren. Sie zeigt anhand der kleinen Schwester von Laure sehr schön, wie offen kleinere Kinder noch bezüglich Geschlechterattributen sein können. Dann legt sie aber auch dar, wie rasch diese Offenheit einem Korsett weicht, in dem die Kinder entweder Mädchen oder Buben sind. Für den Tomboy – ein Mädchen, das sich dem Mädchenhaften verweigert – ist schon bald kein Platz mehr in der Kinder- und Jugendwelt.

Die 33-jährige Französin Sciamma hat «Tomboy» innert knapp eines Jahres geschrieben und gedreht. Dies könnte zur Leichtigkeit der Inszenierung beigetragen haben. Hauptsächlich trägt diesen Film jedoch Zoé Héran, die Darstellerin von Laure/Mickäel. In «Tomboy» gab sie ihr äusserst beeindruckendes Kino-Debüt.

Sendeplatz

Donnerstagnacht, 00:20 auf SRF 1