70. Filmfestival Cannes Dieser «Rodin» wirkt zu altmodisch für Cannes

Das Künstler-Biopic «Rodin» ist schön gefilmt und stark besetzt – aber so konventionell, dass viele Cannes-Besucher sich über seinen Platz im Wettbewerb wundern.

Izïa Higelin als Camille Claudel mit Rodin.

Bildlegende: Camille Claudel (Izïa Higelin) und Auguste Rodin (Vincent Lindon) hatten auch schon mehr Charakter. Praesens Film

Am Ende der Pressevorführung in Cannes rief ein entnervter französischer Kollege etwas von «Schulkino» in den Saal. Er traf damit wohl den Nerv vieler Cannes-Pilger.

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Trailer «Rodin»

2:09 min, vom 24.5.2017

Was hat «Rodin», dieser hoch konventionelle Künstlerfilm, im Wettbewerb dieses Festivals verloren?

Psychotante und Naturbursche?

Regisseur Jacques Doillon hat schon vieles gewagt in seiner Karriere. Weshalb also Auguste Rodin aus der Perspektive Rodins? Und Camille Claudel nun plötzlich als isolierte Psychotante?

Die Künstlerin lernten wir 1988 ganz anders kennen, als Isabelle Adjani sie spielte. «Camille Claudel, 1915» mit Juliette Binoche gab ihr noch einmal ein anderes Gesicht.

Vielleicht konnte Doillon einfach nicht widerstehen: Mit einem Prachtsdarsteller wie Vincent Lindon ist die physische Präsenz Rodins schon mal gegeben. Die geschulte Naturburschigkeit auch.

Atelier als Höllenpforte

Und so wird munter das Atelier als Höllenpforte rekonstruiert. Camille und August kneten andauernd an Kopien klassischer Rodins herum, die fertig und darum kaum erkennbar sind. Dazwischen werden immer wieder Modelle in schön verbogenen Posen im Atelier drapiert.

Bloss zwei Elemente dieses Films gewinnen an Eigenleben: Das eine ist Rodins Kampf um seine Balzac-Skulptur. Zu dieser kommt die entscheidende Idee, die Bekleidung des Körpers nämlich, im Film ganz beiläufig von Camille Claudel.

Die Frau im Hintergrund

Das zweite Element ist die Figur von Rodins Lebenspartnerin Rose Beuret. Sie führt geduldig und zuweilen verzweifelt ein Schattendasein und Domestikenleben an seiner Seite. Sie ist die Frau, die Rodin nie anerkannte in seinem Leben.

Séverine Caneele als Rose Beuret.

Bildlegende: Zwischen Königin und Dienerin: Séverine Caneele als Rose Beuret. Praesens Film

Séverine Caneele spielt diese Frau mit der körperlichen Wuchtigkeit einer Königin und dem Stehvermögen eines kleinen Landmädchens. Das wäre die Geschichte, die dem Film Leben hätte einhauchen können.

Schön, aber altmodisch

Das Rodin-Museum gehört zu den Produktionspartnern des Films. Hin und wieder hat man einen leisen Verdacht: Die Nachfahren jener Auftraggeber, denen die Balzac-Skulptur nicht klassisch und feierlich genug gewesen ist, waren wohl an der Finanzierung dieses Films beteiligt. Denn er ist ebenso schön gefilmt wie altmodisch inszeniert.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 24.5.17, 9:02 Uhr

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

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