Giancarlo Giannini: «Die Kamera ist das Auge der Welt»

Der grosse italienische Schauspieler Giancarlo Giannini erhält in Locarno eine Auszeichnung für sein Lebenswerk. Der gelernte Elektrotechniker erzählt, wie er zum Film kam, obwohl ihm grosse Regisseure wie Fellini oder Antonioni davon abrieten.

Giancarlo Giannini raucht.

Bildlegende: Die Verkörperung des italienischen Kinos: Giancarlo Giannini. Festival del Film / Massimo Pedrazzini

SRF: Herr Giannini, Sie haben in ihrer Karriere viele Auszeichnungen erhalten. Nun noch eine mehr. Freuen Sie sich noch?

Giancarlo Giannini: Klar, diese Auszeichnung freuen mich schon noch. Aber wenn man viele Preise kriegt, weiss man zu Hause nicht mehr, wo man sie hinstellen soll. Und natürlich ist das Glücksgefühl ist schon nicht mehr ganz dasselbe, wie früher. Aber ich muss sagen, der Abend auf der Piazza Grande vor so grossem Publikum bewegte mich schon.

Sie begannen ihre Karriere im Theater mit dem Mittsommernachtstraum von Shakespeare. Dann wechselten sie zum Film. Ein einfacher, beinahe normaler Karriereschritt?

Im Theater hat man Publikum, im Film nicht – sagen nur banale Schauspieler. Klar, im Theater hat man eine Bühne und vielleicht jeden Abend ein anderes Stück. Im Film hast du aber auch ein Publikum: die Kamera ist das Auge der Welt, und hinter der Kamera versteck sich das viel grössere und stärkere Publikum. Da musst du präziser sein, auf eine gewisse Weise mysteriöser wirken. Die Techniken sind also verschieden, es geht am Ende nur um eines: die Schauspielerei. Es ist der Schauspieler, der die beiden Genres verbindet.

War es von Anfang an ihre Absicht, so viele verschiedene Rollen zu spielen?

Nein. Ich bin ja auch durch Zufall in die Schauspielerei reingerutscht. Ich bin ein nichtpraktizierender Elektrotechniker. Da war ich also plötzlich Schauspieler und habe gemerkt, dass das Spass macht und dass ich sogar dafür bezahlt werde. Also dachte ich, mach ich weiter, von Shakespeare bis zu den Komödien. Ich habe diversifiziert, wie jemand, der zur Bank geht mit seinem Geld um es anzulegen. Man diversifiziert, wenn man dazu fähig ist. Mein Schauspiellehrer hat immer gesagt: Der Darsteller ist wie eine Orange. Je mehr Schnitze er hat, desto mehr Stile beherrscht er, desto mehr Spass macht es. Manche Schauspieler nehmen sich nur einen Schnitz heraus – und das heisst nicht, dass sie deswegen schlechter sind.

Giannini als Agent René Mathis neben Daniel Craig.

Bildlegende: In den Bond-Filmen «Casino Royale» und «Quantum of Solace» spielte Giannini als Agent René Mathis neben Daniel Craig. MGM

Ich hatte mal eine Unterhaltung mit meinem Kollegen Massimo Troisi, der leider verstorben ist. Er hat mir gesagt, was für ein Glück ich habe, dass ich so verschiedene Typen spielen kann. Er müsse immer dieselbe Figur spielen. Dabei kann man das auch anders sehen: Troisi war für diese Figur geboren. Ich hingegen muss mich ständig hinter neuen Figuren verstecken, mich immer wieder neu erfinden. Wie anstrengend! Wenn man dran denkt, eine grosse Karriere wie die von Charlie Chaplin bestand aus einer Figur: dem Männchen mit dem Stöckchen.

Auf welches Rezept vertrauten sie dann?

Man soll nie jemandem glauben, nie den Kritikern. Mich kamen grosse Regisseure im Theater besuchen, Fellini oder Antonioni. Die sagten: Du bist ein Mann des Theaters, ein Bühnentier. Denk ja nie daran, Filme zu drehen! Ich dachte aber sehr wohl ans Kino. Dann habe ich mich vom Theater verabschiedet, aus persönlichen Gründen, weil mir die Kritiker auf den Wecker gingen, die immer nur alles runtermachten und nur unverständliches Zeugs lobten. Und dann lief die Sache mit dem Film. Man sollte sowieso nur auf sich selbst hören. Und wenn man sich dann mit Hingabe einer Sache widmet, kann es auch gutgehen.

Ein KZ-Gefangener

Bildlegende: Die Rolle als KZ-Gefangener in «Pasqualino Settebellezze» brachte Giannini eine Oscar-Nomination ein. Medusa Distribuzione

Auf eine Person hörten sie: auf die Regisseurin Lina Wertmüller, mit der sie oft zusammengearbeitet haben. Sie war bekannt als eigenwillige, wilde Regisseurin – eine Art Punk des italienischen Films.

Lina Wertmüller war wie sieben männliche Regisseure – nicht ein Punk also, sondern sieben Punks. Sie war vor allem eine Person mit einer unheimlichen Fantasie, sie wurde mit einer Schreibmaschine neben ihr geboren. Sie schrieb Lieder, Drehbücher, Komödien. Und dann begannen wir, zusammenzuarbeiten. Manchmal sassen wir bis morgens um fünf zusammen, um an den Drehbüchern zu feilen – das war eine andere Arbeit als heute, wo es den Regisseuren häufig egal ist, wie du gerade deine Haare gekämmt hast. Wir wollten etwas Neues schaffen, eine neue Art der italienischen Komödie, eine Art groteske Farce. Das wurde viel kritisiert – aber wir wurden dafür auch ausgezeichnet.

Das Highlight der Zusammenarbeit war sicherlich «Pasqualino Settebellezze», der 1977 in gleich vier Kategorien für den Oscar nominiert wurde – mit ihnen als bester Schauspieler. Und dabei war der Stoff um einen italienischen Deserteur, der während dem 2. Weltkrieg in ein deutsches Arbeitslager gesteckt wird, recht umstritten…

Niemand wollte diese Idee verfilmen. Lina Wertmüller zuerst auch nicht. Darf ich im Konzentrationslager lachen? Ich habe da insisitert, denn ich kannte eine Person, die in einem KZ war – und die habe ich zu Lina gebracht. Wir haben acht Stunden Unterhaltung aufgenommen und daraus entstand dann der Film. Und schliesslich kamen eben die Oscar-Nominationen. Das Kino ist Abenteuer, mal geht es gut, mal nicht. Niemand hat das Rezept für den Erfolg. Und das ist gut. Denn wenn wir es hätten, würden alle Filme drehen.

Giancarlo Giannini

Nach Erfolgen im Theater und Anerkennung im Fernsehen gab Giancarlo Giannini in «I criminali della metropoli» von Gino Mangini 1965 sein Kinodebüt. Später spielte er in den unterschiedlichsten Genres. Mit der Regisseurin Lina Wertmüller drehte er neun Filme, darunter «Pasqualino Settebellezze», für den Giannini 1977 eine Oscar-Nominierung erhielt.

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