Ist die Zeit der klassischen Filmkritik vorbei?

Bei Facebook oder Youtube finden sich immer mehr Filme über Filme: Analysen, neu geschnittene Trailer oder Interpretationen. Ist die Zeit der klassischen Filmkritik vorbei? US-Filmkritiker und Video-Essayist Kevin B. Lee hat in Locarno über die Herausforderungen seiner Videoarbeit gesprochen.

Den Video Essay über Bewegungen in den Filmen von Akira Kurosawa haben über 2 Millionen Leute geschaut.

Bildlegende: Den Video-Essay über Bewegungen in den Filmen von Akira Kurosawa haben über 2 Millionen Leute geschaut. Filmstill

Sie machen Video-Essays – Filme über Filme. Was ist die Absicht dahinter?

Kevin B. Lee: Ein beträchtlicher Teil unserer Kommunikation funktioniert heute über Bilder. Man sieht das bei Facebook, Instagram, Youtube und Snapchat. Darum ist es nur logisch, dass auch die Filmkritik Bilder als Kommunikationsmittel verwendet.

Es geht aber nicht nur um Filme, sondern auch darum, zu lernen, wie Bilder eingesetzt werden und was sie bedeuten.

Wir alle machen Selfies oder posten Bilder, ohne uns gross Gedanken zu machen. Darum ist es vielleicht an der Zeit, sich genauer damit auseinanderzusetzen, wie diese Bilder funktionieren.

Was genau wollen Sie mit Ihren Video-Essays erreichen?

Das Ziel ist, neue Einblicke in Filme zu ermöglichen. Normalerweise schneide ich Filmausschnitte zusammen und erzähle dazu etwas oder verwende Texteinblender.

Wenn man dann meine Videos anschaut, hat man anschliessend vielleicht eine andere Sichtweise auf den Film.

Es geht aber nicht nur um die Filme selbst. Ich möchte auch zeigen, wie zum Beispiel der Schnitt funktioniert oder die Kameraarbeit. Kurz: wie Filme funktionieren.

Der Essay ist eine traditionelle Textform. Oft anspruchsvoll, lang. Wie passt das ins digitale Zeitalter, wo alles schnell und kurz sein muss?

Viele Leute sagen: Ein Essay kann nicht nur 30 Sekunden lang sein. Nicht für mich. Essay kommt von französisch essayer – versuchen. Es geht darum, auszuprobieren und nicht einfach bereits vorhandenes Wissen runterzuschreiben.

Wenn ich einen Essay mache, möchte ich etwas Neues entdecken und das dann mit den Leuten teilen. Ich denke, das ist auch in 30 Sekunden möglich.

Liegt das Problem vielleicht gar nicht in der Form, sondern an einem Überangebot an Inhalten?

Es gibt heute viel mehr Leute, die online ihre Meinung sagen, die Filmkritiken im Internet schreiben, ein Video für Youtube produzieren. Das ermöglicht mir aber auch, mich mit mehr Leuten auszutauschen oder von mehr Leuten zu lernen.

Wir leben online in einer sehr zentralistischen Welt – wenige Firmen dominieren das Internet. Dabei ist es doch einfach ein grosses Netzwerk. Darum sind auch Qualitäten wie Neugier, Erkundung und die Motivation, Neues zu lernen heute sehr wichtig.

Sie erreichen mit Ihren Video-Essays durchschnittlich etwa 20‘000 Leute. Kann man davon leben?

Ich habe als Fan angefangen. Nun ist es Teil meiner Arbeit als Filmkritiker. Natürlich verdiene ich nicht viel – aber ich kann davon leben.

Es gibt ja den Begriff des sozialen Kapitals – wie viele Leute meine Filme schauen, meine Texte lesen. Natürlich ist es kein Ersatz für Geld. Aber es erfüllt und motiviert mich.

Bevor jetzt alle inspiriert losrennen und eigene Video-Essays produzieren: Hatten Sie nie Copyright-Probleme?

Doch. Mein Youtube-Channel wurde zweimal geschlossen. Mein Email-Account deaktiviert. Immerhin haben die Studios in den USA mittlerweile gemerkt, dass solche Inhalte ihnen auch etwas bringen können.

Wenn Leute über Filme sprechen, hilft ihnen das. Darum ist es heute etwas entspannter.

Gibt es eine Tendenz in der Filmkritik? In welche Richtung geht es?

Ich muss heute viele Video-Essays für Facebook machen. Das bringt viele Probleme mit sich: Es sollte nicht länger als 30 Sekunden sein, es muss ohne Ton funktionieren.

Die Tendenz der letzten Jahre ist Komprimierung. Unsere Aufmerksamkeit nimmt ab. Wir werden nicht dümmer, aber unser Verstand arbeitet anders. Anstatt sich in einem Thema zu vertiefen, befassen wir uns in der selben Zeit mit zehn Themen oberflächlich.

Ich muss mir darum überlegen, wie meine Inhalte in dieses Konzept passen. Aber vielleicht unterscheidet sich das gar nicht so gross von einer traditionellen Zeitung, wo man auch nur bestimmte Artikel gelesen und den Rest überflogen hat.

Zur Person:

Zur Person:

Kevin B. Lee ist Gründer des Online-Filmmagazins Keyframe und eine der führenden Figuren der Video-Filmkritik. Er hat über 100 Video-Essays produziert und schreibt unter anderem für Sight & Sound und IndieWire. In Locarno war er Gast am Round-Table «Cultures of Criticism in the Digital Age».

Video-Essays von Kevin B. Lee

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Filme über Filme:

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