Filmproduktion – Glücksrittertum oder Risikomanagement?

Das Produzieren von Filmen ist ein Abenteuer, ein hochriskantes noch dazu. Die Komplexität der Produktionbund unvorhersehbare Zufälle können jedes Projekt im Desaster enden lassen. Im Interview spricht der Basler Produzent Philipp Rapold über die Risiken der Filmfinanzierung.

Aufnahme eines Film-Sets.

Bildlegende: Jedem Filmdreh geht eine langwierige und risikoreiche Finanzplanung voraus. Keystone

Herr Rapold, war Ihr Spielfilm «Manipulation» ein Erfolg?

Nein.

Was war das Problem?

Es gab eine Menge Probleme. Innerhalb der Produktion gab es grosse Meinungsverschiedenheiten und letztlich wurde der Film mit vielen Kompromissen realisiert. Ich bin aber ein grosser Optimist – wir haben mit dem Projekt in allen Bereichen Erfahrungen gesammelt und wissen jetzt, was wir nicht wollen.

Was ist das grösste Risiko einer Filmproduktion?

Dass man kein Publikum findet. Wenn man einen Film angeht, muss man zum einen mit allem rechnen und sich der Risiken bewusst sein. Zum anderen muss man stetig besorgt sein, Antworten auf die Frage zu finden, wie man die Risiken minimieren kann.

Wo liegen die Risiken beim Auflegen eines Filmfonds?

Ein Filmfonds arbeitet wie andere Fonds auch. Man versucht das Risiko auf unterschiedliche Projekte zu verteilen. Je mehr Projekte involviert sind, desto geringer das Risiko. Von zehn Filmen können neun floppen und einer ist der Riesenhit und deckt so die Verluste der anderen neun komplett ab. Das ist sicher das Interessante am Konstrukt eines Fonds. In der Schweiz sind Filmfonds eher unbekannt. Film wird in der Schweiz mit kultureller Unterstützung assoziiert und da hat Renditedenken keinen Platz.

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Philipp Rapold: «In der Schweiz ist das Risiko grösser.»

0:46 min, vom 22.8.2013

Sind Ihre Filme ausschliesslich durch Fonds finanziert?

In unserem Fall rein privat, ohne Beteiligung von Sender und Kulturförderung. Wir entwickeln unabhängig, weil wir für den internationalen Markt arbeiten. Da ist es nicht ratsam mit einer Sendeanstalt zusammenzuarbeiten. Denn die hat, völlig zu Recht, ihre eigenen Vorstellungen, die aber nicht unbedingt mit denen eines anderen Senders übereinstimmen müssen. Wir müssen unabhängig entwickeln um, international produzieren zu können.

Wieviele Filme bündeln Sie in einem Fonds?

Also, aktuell ist es beinahe «high risk», denn es ist nur ein Megaprojekt, das im Fonds ist. Allerdings ist es so organisiert, dass das Projekt nicht über den Fonds läuft, sondern direkt mit Projektbeteiligungen von Investoren aus der Schweiz umgesetzt wird. Ideal ist ein Fonds mit 10 bis 20 Projekten, mit einer Verteilung 60 Prozent Fernsehen und 40 Prozent Kino.

Wie minimieren Sie das Risiko für den Anleger?

Wir haben ein Zweiphasen-Modell. Ich gebe Ihnen ein Beispiel mit einer runden Zahl.
Nehmen wir an, das Projekt kostet 10 Millionen. Nach unserer Kalkulation sind etwa 15 Prozent, sprich 1,5 Millionen «High Risk», d.h. der Investor stellt die 1,5 Millionen im Bewusstsein zur Verfügung, dass er das Geld im schlimmsten Fall komplett abschreiben muss.

Mit diesem Geld wird das Projekt entwickelt, d.h. es entstehen die Drehbücher, die Produktionslogistik, die Besetzung wird festgelegt. Dann schicken wir das Projekt in die Previsualisierung. (Anmerkung der Redaktion: Ein Verfahren, das durch 3D-Animationen ganze Szenen im Vorfeld sichtbar macht. An virtuellen Sets kann mit Schnitt, Kameraeinstellungen und Effekten experimentiert werden.) Die dient uns zur Präsentation bei möglichen Kunden, sprich Fernsehsendern, Verleih- und Vertriebsfirmen. Wenn die dann sagen – das ist ein interessantes Projekt, das gefällt uns – werden wir Presale-Verträge im Umfang von mindestens 10 Millionen abschliessen, die das Projekt kostet.

Dann kommt die zweite Phase der reinen Zwischenfinanzierung. Der Investor weiss jetzt, dass Entwicklungsgelder und Zwischenfinanzierung in trockenen Tüchern sind. Wir haben also ein Modell, bei dem sich das Risiko auf 15 Prozent der Gesamtkosten minimiert.

Bis zum ersten Drehtag haben Sie...

Alles verkauft.

Was für eine Rolle spielt die Sprachfassung?

Je grösser das Verbreitungsgebiet einer Sprache, desto mehr Publikum.
Normalerweise bevorzugt man Englisch, weil die Verbreitung per se gross ist.
Wir haben allerdings ein anderes Modell. Wir lassen eine alte Hollywood-Idee wieder aufleben. Wir nennen es Multicast.

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Philipp Rapold über die Zeit vor der Synchronisierung

0:53 min, vom 22.8.2013

In den dreissiger Jahren, als noch nicht synchronisiert werden konnte, hat man in Hollywood am gleichen Set mit amerikanischen, spanischen, italienischen und deutschen Schauspielern gedreht. Jedes Land bekam mit eigenem Cast die eigene Sprachversion.

Wir fanden das ein hochinteressantes Modell für den europäischen Film. Wir haben ein Projekt bei dem wir mit lokalem Cast lokale Sprachversionen realisieren werden. Die lokalen Stars sind in ihren Ländern beliebt.

Iris Berben, die bei uns in der deutschen Cast-Version mitspielen wird, ist ein gutes Beispiel. Sie ist im deutschsprachigen Raum und speziell in Deutschland eine absolute Quoten-Königin. Über die Landesgrenzen hinaus kennt Iris Berben niemand. Lokal ist sie jedoch so stark, dass kein Hollywood Star auch nur annähernd eine bessere Quote bekommt. Freilich ist Iris Berben kostspielig aber nicht so wie die Hollywoodstars mit ihren Millionen Gagen.

Wie decken Sie das Überschreitungsrisiko während der Produktion ab?

Mit der Previsualisierung. Sie ist ein Planungsinstrument mit dem wir exakt jede Einstellung, jeden Schnitt, das Tempo vorausplanen können. Natürlich kann immer etwas Unvorhergesehenes eintreten, aber dafür hat man auch eine Reserve im Budget. Wir drehen hauptsächlich im Studio, daher haben wir kein Wetterproblem. Die Aussenaufnahmen werden von «Second Units» gedreht.

Arbeiten Sie mit mehreren Regisseuren zusammen?

Wir werden einen «Supervising Director» haben, der die Previsualisierung prägen wird. Er gibt eine verbindliche Vorgabe für alle Sprachversionen, bei denen wir mit unterschiedlichen Regisseuren arbeiten werden, die sich an der Previsualisierung orientieren werden.

Wo liegen eigentlich die Gewinn-Chancen für den Anleger?

Wir machen mit unseren Anlegern glasklare und einfache Verträge. Wir machen z.B. keine Nettoabrechnung, von der ich jedem Anleger abraten würde, da der Produzent tausende von Möglichkeiten hat, Mehrkosten auszuweisen. Für den Anleger ist es wichtig zu wissen, dass er mit 15 Prozent der Gesamtkosten ins Risiko gegangen ist und die von ihm zwischenfinanzierten 85 Prozent der Produktionskosten abgesichert sind.

Alle Einnahmen werden nach einem Prozentsatzschlüssel verteilt.
Wir werden mit zwei Versionen anfangen, einer deutsch- und einer englischsprachigen Version. Wir haben so kalkuliert, dass wir bei jeder weiteren Sprachversion oder jedem Lizenzverkauf entsprechende Gewinne machen, an denen der Anleger seinen festen Anteil hat und ein ordentlicher Gewinn realisierbar ist.

Philipp Rapold

Philipp Rapold aus Rheinau ist Geschäftsführer von European Star Cinema in Basel. Seine letzte Produktion «Manipulation» thematisiert die Planung von Atombomben in der Schweiz der 50er-Jahre.

Stichwort: Multicast

Der bekannteste «Multicast»-Film ist «The Big Trail» (1930), ein US-amerikanischer Western von Raoul Walsh, mit dem John Waynes Karriere begann. Walsh drehte gleichzeitig vier weitere Versionen des Films in französisch («La Piste des géants»), italienisch («Il grande sentiero»), spanisch («Horizontes nuevos») und deutsch («Die grosse Fahrt»).