«Genius»: Wenn der Lektor mit dem Literaturgenie

Nicole Kidman, Jude Law, Colin Firth: Grosse Namen für den ersten Film eines gefeierten Theaterregisseurs. An der Berlinale hat Michael Grandage es gleich in den «Wettbewerb» geschafft. Doch «Genius» leidet am selben Problem wie die meisten Filme über den Literaturzirkus. Aber dafür unterhaltsam.

Zwei Männer beugen sich über Papier, das auf einem Schreibtisch liegt.

Bildlegende: Der eine redet schnell, der andere lächelt fein: Colin Firth und Jude Law im Schriftsteller-Film «Genius». Berlinale

Es ist der grosse Aufbruch der US-amerikanischen Literatur: Colin Firth spielt Max Perkins, jenen Lektor bei Scribner's, der die ganz grossen Autoren entdeckt und gefördert hat: F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway oder Thomas Wolfe (nicht zu verwechseln mit Tom Wolfe!).

Kidman und Kollateralschäden

Von der tumultuösen Beziehung zwischen dem bedächtigen Lektor und dem von Jude Law gespielten Literaturgenie Wolfe handelt der Film in erster Linie. In zweiter Linie kommen die Kollateralschäden zum Zug: Nicole Kidman als erste Förderin und verprellte Geliebte Aline Bernstein, dann Perkins' Frau und Töchter, der völlig ausgebrannte Fitzgerald (Guy Pearce) mit seiner Zelda.

Der Theatermann Michael Grandage inszeniert seinen ersten Film flüssig und bewegt. Doch «Genius» leidet am gleichen Problem wie die meisten Filme über den Literaturzirkus: Er muss die Energie aus den Figuren beziehen, die eigentlich aus den Texten kommen müsste. Das heisst, er kann nur Reaktionen zeigen. Und Prozesse.

Ein Mann mit verschränkten Armen vor hellem Hintergrund.

Bildlegende: Macht sonst Theater: Regisseur Michael Grandage. Marc Brenner

Die kleinen Unterschiede

Die Prozesse inszeniert Grandage allerdings meisterlich – fast schon schulmeisterlich. Wie Perkins Wolfe dabei hilft, hunderte von Seiten von Text zusammenzustreichen, wie er ihm nachweist, dass viele Worte manchmal weniger sagen als das Richtige, wie die beiden Männer um Passagen und Bilder ringen, das macht Spass.

Ebenso beeindruckend ist ein Besuch in einem Jazzclub, in den Wolfe den älteren Perkins abschleppt. Er zeigt ihm und dem Kinopublikum den Unterschied zwischen Henry James und Thomas Wolfe anhand der Jazzimprovisation über ein einfaches klassisches Thema.

«Genius» folgt allen Konventionen des Bücherfilms, schafft aber doch ein paar Momente, die aus der Sprache und ihrer Musikalität heraus funktionieren – nicht einfach über die Illustration menschlicher Dynamik.

Viel Gezappel und Gerede

Und auch da, bei der dramatischen Spannung zwischen den Figuren, gibt es ein paar starke Momente. Colin Firth hat wie immer eine ruhige Präsenz, gegen die Jude Law auch mit grotesk übersteigertem Dauerreden und Gezappel nicht wirklich ankommt. Und Nicole Kidman ist für einmal wieder wirklich grossartig. Wie fast immer, wenn sie sich auf undankbare Rollen einlässt: auf Frauen, die gleichzeitig zum Fürchten und zum Bedauern sind.

Und den Kalauer, dass Virginia Woolf in diesem Film die Geliebte von Thomas Wolfe spielt, den bringen wir jetzt einfach noch schnell hinter uns.

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