Heldenhafter Hacker im freien Fall: «The Imitation Game»

Der Mathematiker Alan Turing knackte mit seinem ersten Grosscomputer den Funkverkehr der Nazis und gewann damit den Zweiten Weltkrieg für die Alliierten. Das Biopic «The Imitation Game» erzählt die tragische Lebensgeschichte des Kryptographen – bleibt aber an der Oberfläche.

Ein Mann sitzt vor einer Maschine, energisch darauf schreibend. Um ihn herum sind drei Männer, alle in Anzügen, und eine Frau, dargestellt von Keira Knightley.

Bildlegende: Ein Wettlauf gegen die Zeit: Alan Turing rettete Millionen von Menschen das Leben, verlor aber schliesslich seines. Ascot Elite

Vor einem Jahr sprach Queen Elizabeth II. ein königliches Machtwort: Alan Mathison Turing (1912-1954) wurde vom Vorwurf der «sexuellen Perversion» endgültig freigesprochen. Für das britische Mathematikgenie kam die Begnadigung allerdings 60 Jahre zu spät.

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Trailer zu «The Imitation Game»

2:27 min, vom 21.1.2015

Nachdem Turing 1952 wegen sexueller Handlungen mit einem 19-Jährigen verurteilt worden war, stellte ihn das Gericht vor die Wahl: Haftstrafe oder chemische Kastration. Turing entschied sich für die Behandlung. Ein knappes Jahr darauf nahm er sich das Leben.

Der erste Grosscomputer

Ein tragisches Schicksal, wie es im bigotten England der Nachkriegszeit leider gang und gäbe war. Doch handelte es sich bei Turing nicht um irgendeinen Menschen: Der Mathematiker und Logiker hatte den Zweiten Weltkrieg um mindestens zwei Jahre verkürzt und Millionen Menschen das Leben gerettet.

In einem Geheimprojekt, für das die britische Regierung Turing rekrutiert hatte, gelang es dem Kryptographen, die deutsche Chiffriermaschine «Enigma» und damit den Code der Nazis zu hacken. Dank seines ersten Grosscomputers – der «Turing Bombe» – war es möglich, den gesamten Funkverkehr des Deutschen Reiches zu entschlüsseln. So wusste die britische Heeresleitung über sämtliche deutschen Truppenbewegungen Bescheid.

Neurotisches Nervenbündel

Ein Mann in Hemd und Hosenträgern steht vor einer grossen Maschine mit drehenden, farbigen Rädern.

Bildlegende: Das tragische Genie vor seiner Wundermaschine: Alan Turing, gekonnt gespielt von Benedict Cumberbatch. Ascot Elite

Eine schier unglaubliche Geschichte also, der sich Regisseur Morten Tyldum («Headhunters») in seinem Biopic «The Imitation Game» annimmt. Doch steckt darin leider etwas wenig von Turings Leben.

Sherlock-Holmes-Darsteller Benedict Cumberbatch spielt das tragische Genie gekonnt als neurotisches Nervenbündel, das sich gegen die Anfeindungen seines Forschungsteams behaupten muss: Seiner Maschine wird zunächst nur wenig Erfolgschancen beigemessen. Die Angst vor einem kommunistischen Komplott hält die britischen Militärs zusätzlich auf Trab, zumal sich der menschenscheue Turing in seiner herablassenden Art äusserst verdächtig verhält. Während dieser Zeit verlobt sich der Mathematiker auch mit einer Arbeitskollegin (Keira Knightley). Doch die Heirat platzt.

In der Halbnahen

«The Imitation Game» funktioniert wie ein Thriller: Nach seiner Verhaftung durch die Polizei im Jahr 1952 bricht Turing die Geheimhaltung um das «Enigma»-Projekt. Er erzählt in Rückblenden von dem Wettlauf gegen die Zeit. Das Drama um den verkannten Kriegshelden bleibt aber auf irritierende Weise in der Halbnahen: Es deutet das grosse Bild an den Rändern eines Einzelschicksals an – geht aber nicht nah genug, um in die Abgründe seines Helden zu blicken.

Der Held wird nur wachgeküsst

Denn dieser Turing, den Benedict Cumberbatch wie den verschupften Bruder von Sherlock Holmes spielt, entschlüsselt nicht nur geheime Nachrichten. Er will auch die gesellschaftlichen Codes seiner Zeit verstehen, an die er sich vergebens anzupassen versucht. Das macht der Film zwar in Ansätzen deutlich. Doch wird weder die sträfliche Strafgesetzgebung jener Zeit noch die stigmatisierte Sexualität Turings eingehender beleuchtet. Stattdessen rückt die britisch-amerikanische Koproduktion den historisch beglaubigten Nutzen Turings in den Vordergrund.


Filmkritik zu «The Imitation Game»

3:05 min, aus Kultur kompakt vom 21.01.2015

Alan Turing, der für Walt Disneys Zeichentrickfilm «Schneewittchen» schwärmte, soll sich mit einem Cyanid-Apfel selbst vergiftet haben. «The Imitation Game» begnügt sich damit, den Kriegshelden aus dem Vergessen wachzuküssen. Wie aber der Mensch hinter seiner fabelhaften Maschine tickte, das kann uns dieses Biopic nicht verraten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Mathematiker verkürzen Krieg

    Aus 10vor10 vom 21.1.2015

    Mit der Chiffriermaschine Enigma verschlüsselten die Nazis im zweiten Weltkrieg ihre Funksprüche. Das Spionage-Drama «The Imitation Game» zeigt, wie der britische Geheimdienst es 1942 dank der Arbeit des Mathematikers Alan Turing schaffte, diese zu entschlüsseln und den Krieg entsprechend zu verkürzen.