In «Winter Sleep» erstarrt ein Pascha in Gefühlskälte

Es weht ein eisiger Wind in «Winter Sleep», dem Gewinnerfilm von Cannes. Die Goldene Palme hat sich Regisseur Nuri Bilge Ceylan mit einem dreistündigen Dialogstück erarbeitet. Schauplatz ist ein einsam gelegenes Höhlenhotel. In das verkriecht sich der Besitzer, um den Gefühlen anderer auszuweichen.

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Keine 3 Minuten: «Winter Sleep»

2:08 min, vom 27.11.2014

Abgeschottet von der Welt führt der ehemalige Schauspieler Aydin in den Bergen Kappadokiens ein idyllisch anmutendes Höhlenhotel. Doch der Schein trügt: Idyllisch ist das Leben hier nicht. Die Gefühlskälte des selbstgefälligen Hausherrn, der sich am liebsten hinter intellektuellem Gehabe versteckt, vergiftet das Klima. Aydin ist aber nicht nur Täter, sondern auch Opfer: Seine frustrierte Frau stichelt scharfzüngig zurück, hat für die literarischen Ambitionen ihres Gatten nur Spott übrig. Und dann ist da noch Aydins frisch geschiedene Schwester, die geradezu allergisch auf männliche Eitelkeit reagiert. So kristallisiert sich rasch heraus: Die Hölle, das sind auch in der Höhle die anderen.

    • Schauspielerin Melisa Sözen, die in «Winter Sleep» Aydins Frau Nihal spielt, in einer Nahaufnahme.

      Bildlegende: Aydins Frau Nihal nimmt kein Blatt vor den Mund. Trigon

      Das stärkste Zitat

      «Du bist eigentlich ein gebildeter, ehrlicher, gerechter und gewissenhafter Mann. Im Grunde kann man das über dich sagen. Keine Frage. Aber manchmal nutzt du diese Werte, um Menschen zu ersticken, sie niederzuschmettern und zu demütigen.» Aydins Frau demaskiert den vermeintlichen Gutmenschen an ihrer Seite.

    • Regisseur Nuri Bilge Ceylan posiert mit der Goldenen Palme in Cannes für die Fotografen.

      Bildlegende: Nuri Bilge Ceylan mit der Goldenen Palme. Reuters

      Der Regisseur

      Der Gewinn der Goldenen Palme war nur eine Frage der Zeit. Schliesslich zählt Nuri Bilge Ceylan in Cannes immer zu den Favoriten, wenn er am bedeutendsten Filmfestival der Welt ins Rennen geht. Schon bei seiner ersten Teilnahme im Jahr 2002 räumte er ab: Das Drama «Distant» wurde mit dem Grossen Preis der Jury bedacht. Auch mit seinen nächsten drei Filmen «Climates» (2006), «Three Monkeys» (2008) und «Once Upon a Time in Anatolia» (2011) gehörte er zu den Siegern. In diesem Jahr dann der ganz grosse Triumph. Ceylan nutzte ihn für ein politisches Statement: Er widmete seine Goldene Palme den jungen Demonstranten, die 2013 in der Türkei ihr Leben verloren.

    • Haluk Bilginer, der in «Winter Sleep» Aydin verkörpert, seitlich über dessen Schulter gefilmt.

      Bildlegende: Ceylans Lieblingssujet: die kalte Schulter seiner Hauptfigur. Trigon

      Fakten, die man wissen sollte

      Echte Sympathieträger sind sie nie, die «Helden» in Nuri Bilge Ceylans Filmen. Der türkische Regisseur will nicht die totale Identifikation mit den Protagonisten, weil eine solche das kritische Urteilsvermögen trüben würde. Stattdessen soll das Publikum zu seinen Charakteren immer eine gewisse Distanz wahren. Besonders schön spiegelt sich diese Absicht in der sogenannten «Cadrage», der bewussten Wahl des Bildausschnitts wider. Statt frontal filmt Ceylan seine Hauptfiguren auffallend oft von der Seite. Diese zeigen sich dabei allerdings nicht klassisch im Profil, sondern meist leicht abgewandt. Als ob sie dem Publikum die kalte Schulter zeigen wollten.

    • Hauptfigur Aydin in der Schreibstube mit seiner garstigen Schwester Necla im Hintergrund.

      Bildlegende: Aydin in der Schreibstube seines Höhlenhotels. Trigon

      Das Urteil

      Ein über drei Stunden langer Film, in dem die zentralen Figuren nur miteinander sprechen, um sich selbst reden zu hören. Kann das unterhaltsam sein? Nuri Bilge Ceylan schafft das Kunststück, indem er seinen Vorbildern die Ehre erweist. Bei «Winter Sleep» werden Erinnerungen an Tarkowskis und Bergmans Kinoklassiker wach. Einige Dialogpassagen hat Ceylan zudem direkt aus Anton Tschechows Erzählungen übernommen. Doch nicht nur Eingeweihte wird das kammerspielartige Drama faszinieren. Schliesslich sind die Themen der präzis-kühlen Persönlichkeitsstudie universell: Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit und andere menschliche Selbstverherrlichungen.