In Würde sterben? Nein, im Glück

Der Berner Regisseur Res Balzli verwandelt sein lakonisches, schwarzweisses Trinkerstück «Tinou» nach und nach in ein sinnliches, farbiges und verträumtes Opus voller Lebensfreude und sexuellem Übermut.

Man in der Uniform eines Schiffkapitäns

Bildlegende: Tinous Abgang wird kein trauriger sein. suissimage

Tinou (Roger Jendly), der mal Französisch und mal gebrochen Deutsch spricht, ist ein herzensguter Mensch. Ein einfaches Gemüt vielleicht, das gerne tief ins Glas schaut, aber eines mit leuchtenden Augen und verschmitztem Lächeln. Nein, am Herzen von Tinou ist nichts auszusetzen, da sind sich auch seine Trinkkumpane einig. Aber da ist halt auch noch die Leber von Tinou: Sie macht nicht mehr mit.

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«Tinou» (Trailer)

1:51 min, vom 22.4.2016

«Tinou» von Res Balzli ist kein sozialrealistischer Film und auch kein Psychodrama mit dem Anspruch auf dokumentarische Wahrheitstreue. Das wird einem spätestens klar, als der Barmann in Tinous Stammspelunke einen Bierdeckel in den CD-Player schiebt und daraufhin das Intro zum einem Stiller-Has-Song erklingt.

Es liegt ein unterschwelliger Zauber in der Luft. Alles wirkt ein wenig zeitlos, ein bisschen wie beim Theaterregisseur Christoph Marthaler. Nur werden hier keine Volkslieder oder Arien angestimmt, sondern es wird dreckig gelacht.

Reise mit dem «Frauenschwarm»

Doch dann hält die Moderne Einzug: Tinou lässt sich bei der Imbissstandbetreiberin seines Vertrauens (Sabine Timoteo) beim Smartphonekauf beraten. Das neuste und solideste Modell soll es sein. Tinous Freund Aschi (ein unrasierter Gilles Tschudi) entwickelt bei derselben Beraterin ein auffälliges Interesse für den aktuellen Stand der Internettelefonie.

Warum Tinou ein Handy braucht, das ahnen wir: Der Zustand seiner Leber könnte jederzeit einen Notruf notwendig machen. Im Spital möchte er erreichbar sein. Aber warum um Himmels Willen muss Aschi, in Selbstwahrnehmung ein verblühter Frauenschwarm, jetzt plötzlich skypen? Und warum nach Afrika? Es kommt Bewegung in diese statische Welt der Parkbänke, Wurstbuden und Kneipentische.

Aschi will nach Afrika, Tinou soll mit. Aber es kommt, wie es kommen muss: Tinou wird mit akuten Schmerzen hospitalisiert. Immerhin trifft er hier auf die Narkoseschwester Miriam (Amélie Chérubin-Soulières), die zweifellos afrikanische Wurzeln hat. Tinu und Aschi werden vielleicht doch noch nach Afrika reisen, und sei es auch nur Tinous Traum.

Eines ist nach diesem Handlungsbeschrieb sofort festzuhalten: «Tinou» ist kein Rührstück, kein larmoyanter Abgesang auf eine wegsterbende Generation von geselligen Leuten, sondern vielmehr ein frecher Furz ins Gesicht des Todes und der politischen Korrektheit. Tinous Abgang wird kein trauriger sein.

Verstehen? Nein, bewundern

In der zweiten Filmhälfte öffnet Res Balzli die Fenster, die Ventile und die Farbtuben: In Afrika wird gefeiert, getanzt und – ja, auch körperlich – geliebt. «Tinou» ist von da weg unbestritten eine männliche Fantasie, ein sinnlicher, phallischer Wunschtraum.

Genau das ist der springende Punkt: Wir sind hier in Tinous Unterbewusstsein, und hier wollen Frauen nicht verstanden, sondern bewundert werden. Wir akzeptieren das und tun es ihm einen Film lang gleich. Wir verlieben uns in Timoteo und Chérubin-Soulières, aber auch in Gilles Tschudi, der hier mehr mit seinen Augen als mit seinen Augenbrauen spielt.

Vor allem schliessen wir Roger Jendly ins Herz – ein Fribourger Urgestein des französischsprachigen Schweizer Films, das endlich auch in der Deutschschweiz wahrgenommen werden sollte. Dass das nicht viel früher geschehen ist, würde Tinou wohl mit einem seiner Standardsätze kommentieren: «Scheiss der Hund drauf!».

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