Jeremy Irons: Ein eigenwilliger Gentleman kommt ins Rentenalter

Sein Schauspiellehrer sagte Irons, dass er mit dem Gesicht wenig Chancen hätte. Doch er bewies das Gegenteil. Mit seinen vornehmen Zügen und seinem schauspielerischen Können verleiht er seinen Figuren jene Unnahbarkeit und Zwiespältigkeit, die fasziniert und Tiefe gibt. Heute wird er 65 Jahre alt.

Porträt Jeremy Irons

Bildlegende: Jeremy Irons beherrscht die Darstellung von Obssession und Distanziertheit. Keystone

Jeremy Irons drang 1981 erstmals ins öffentliche Bewusstsein – als Hauptdarsteller der Fernsehadaption von Evelyn Waughs Roman «Brideshead Revisited» über Liebeswirrungen in den 20er-Jahren und als Partner von Meryl Streep im viktorianischen Liebesdrama «The French Lieutenant’s Woman». Damit schien sich zu bewahrheiten, was ihm der Chef der Schauspielschule des Bristol Old Vic Jahre zuvor beim Abschied gesagt hatte: «In den 30er-Jahren hättest du ein Vermögen gemacht, aber für die Gegenwart ist dein Gesicht völlig falsch. Es ist zu lang. Es ist zu vornehm. Und du sprichst anständiges Englisch. Das ist heute nicht in Mode.»

Es sah ganz danach aus, als wäre der am 19. September 1948 als Buchhalterssohn geborene Schauspieler dazu verurteilt, sein Leben in Kostümschinken zu verbringen und mit gepflegter Diktion verhaltene Gefühle oder gar gediegene Langeweile zu verströmen.

«Risiko ist zusätzliches Leben»

In der Folge jedoch liess sich der rastlose Irons in keine Schublade stecken, aus der er nicht unvermittelt ausbrechen konnte. Ein Motto, das er gerne zitiert, lautet: «Risiko ist zusätzliches Leben.» Sein erstes Wagnis war 1988 die doppelte Hauptrolle in David Cronenbergs «Dead Ringers», in dem er ziemlich abartige Gynäkologen-Zwillinge verkörperte.

Wie Irons 1997 in einem Interview mit Roald Rynning, das in der Zeitschrift «Facts» erschien, erzählte, hatte Robert De Niro diesen Part abgelehnt. Und sämtliche Frauen, mit denen Irons gesprochen hatte, einschliesslich seiner duldsamen Gattin und Schauspielkollegin Sinéad Cusack, rieten ihm ab; die Rolle sei «widerlich und geschmacklos». Schliesslich machte jedoch gerade Irons‘ kühl-aristokratische Präsenz, von Zwilling zu Zwilling subtil differenziert, die makabre Faszination von Cronenbergs Dreiecksdrama aus und ebnete Irons den Weg zu seinem Oscar für «Reversal of Fortune» im Jahre 1991.

Verständnis für Obsessionen

Mann und Frau: nackt und leidenschaftlich.

Bildlegende: Jeremy Irons in dem sehr freizügigen Film «Damage». Nouvelles Éditions de Films

Zu den weiteren Risiken in Irons‘ Karriere zählte die freizügige Obsessionsgeschichte «Damage» (1992) von Louis Malle, deren Dreh Irons als qualvolle Erfahrung schildert, nicht zuletzt, weil er fand, seine Filmpartnerin Juliette Binoche sei mit 23 Jahren für die Rolle viel zu jung gewesen. Noch jünger freilich war die 15-jährige Dominique Swain, mit welcher Irons 1997 Adrian Lynes Neuverfilmung von Vladimir Nabokovs Skandalroman «Lolita» drehte, was bei den Sexszenen für Probleme sorgte; von Rechts wegen durfte Irons seine minderjährige Filmpartnerin gar nicht anfassen.

In eine ganz anders geartete sexuelle Besessenheit schlüpfte Irons erneut unter der Regie von David Cronenberg in «M. Butterfly»: Darin verliebt er sich als französischer Diplomat in eine Chinesin, die sich als Mann (John Lone) entpuppt.

Er habe Verständnis für Obsessionen, meint Irons, der von Monogamie wenig hält: «Auch in meinem Leben bin ich selten einmal in Situationen geraten, wo eine Frau gewisse Dinge machen kann und du plötzlich so weit kommst, dass dein Schwanz in einer Teetasse liegt, und es ist dir egal. Du weisst nichts mehr. Das passiert Gallimard in ‚M. Butterfly‘.»

Verkannter Action-Star

Irons hat so verschiedene Figuren gespielt wie den undurchsichtigen Regisseur in David Lynchs unergründlichem «Inland Empire» (2006) und den verstaubten, aber wissensdurstigen Berner Lehrer in «Nachtzug nach Lissabon» (2013). Er lieh seine sonore, verführerische Stimme dem Bösewicht in «The Lion King» (1994) und verkörperte in «Margin Call» (2011) den Financier John Tuld mit dem Erfolgsrezept: «Erster sein, klüger sein oder betrügen.»

Jeremy Irons in «The Borgias».

Bildlegende: Jeremy Irons spielt in «The Borgias» den Familienpatriarchen Rodrigo Borgia. Showtime Networks

Obschon Irons also neben der Distinguiertheit des britischen Gentleman auch Perversion und Dekadenz aller Art auszudrücken vermochte (was er aktuell in der TV-Serie «The Borgias» mit Gusto tut), fand er auf der Leinwand nur selten Gelegenheit, jene Körperlichkeit auszuleben, die ihm im Privatleben so wichtig ist: Als leidenschaftlicher Motorradfahrer und Reiter, der auch gerne segelt und klettert, empfahl er sich grundsätzlich fürs Action-Genre.

Tatsächlich wurde er vor Jahren einmal angefragt, ob er James Bond spielen würde, wollte sich dann aber nicht für drei Filme verpflichten.

Muskulös wie Bruce Willis, aber nicht so prollig

In «The Man in the Iron Mask» (1998) konnte er als Musketier Aramis seine Reit- und Fechtkünste ausspielen; zum Sexsymbol jedoch avancierte er bereits 1995 in «Die Hard: With a Vengeance»: Als durchtrainierter sadistischer Bombenleger Simon Gruber zeigt er, dass er im Unterhemd eine ebenso gute Falle macht wie Bruce Willis als unverwüstlicher Cop John McClane. Für Irons war dieser Kracher ein bewusster Schritt in eine neue Richtung: «Ich wollte mich einem Publikum vorstellen, das normalerweise meine Filme nicht sehen würde. Ich hoffte, damit mein Publikum zu erweitern. Man hatte angefangen, mich als mürrischen britischen und kunstbeflissenen Schauspieler anzusehen, und ich wollte alle daran erinnern, dass ich ein Arbeiterjunge bin.»

Nahaufnahme Irons.

Bildlegende: Jeremy Irons im klassischen Mantel-und-Degen-Film «The Man in the Iron Mask». United Artists Corporation

So prollig wie Willis wirkt Irons niemals, aber mit einem Einspielergebnis von über 360 Millionen Dollar hat der Film seinen Zweck, dem Briten ein breiteres Publikum zu erschliessen, zweifellos erfüllt.

Sendeplatz

«Die Hard: With a Vengeance», 21.09.12013 um 21.55 Uhr