Hochglanz mit Tiefsinn Jonathan Demme brachte die Gosse zum Glänzen

Er griff heikle Themen auf und machte daraus publikumswirksames Kino. SRF-Filmredaktor Michael Sennhauser über den verstorbenen Filmregisseur Jonathan Demme, dem wir nicht nur «Silence of the Lambs» verdanken.

SRF: Was hat Jonathan Demme als Regisseur ausgezeichnet?

Michael Sennhauser: Er kommt aus der Generation, die Geschichten erzählen wollte. Geschichten, die einen packen. Gleichzeitig hatte er Mut zum Trash: Die Storys mussten nicht hochstehend sein. Demme verpackte sie mit gestalterischer Eleganz.

Was meinen Sie damit?

«The Silence oft the Lambs» ist ein gutes Beispiel: Die Geschichte des superintelligenten, menschenfressenden Psychiaters ist in den Romanen relativ krude. Die Umsetzung von Jonathan Demme mit Anthony Hopkins als Hannibal Lecter und Jodie Foster als FBI-Agentin Clarice Starling trieft hingegen vor Eleganz.

Das funktioniert so gut, dass man nie das Gefühl hat, sich in die Niederungen von trashigem Erzählen zu begeben. Es ist eine Hochglanz-Geschichte – mit Hochglanz erzählt.

«  Demme war immer sehr nahe bei der Popkultur, aber auch bei der progressiven Musik. »

Aber so begann Demme seine Karriere nicht.

Angefangen hat Demme wie auch Coppola und Cameron bei den Wilden der Post-Hollywood-Generation: Bei Roger Corman, dem unabhängigen Produzenten und Filmemacher, der das Studiosystem mit billigen Motorrad-, Sex- und Gewaltfilmen auf den Kopf gestellt hatte.

Dort drehte Demme den Frauengefängnis-Film «Caged Heat», in dem es vor allem um Gewalt und Nacktheit geht. Aber typisch für Jonathan Demme war: Er führte eine aussergewöhnliche Frauenfigur ein, liess die Musik vom bekannten Prog-Rocker John Cale komponieren und entwickelte mit seinem Kameramann Tak Fujimoto einen Stil, der viel besser aussieht als das Trash-Kino, das es eigentlich war.

Aber es hatte immer noch den leichten Hauch der Gosse. War das tatsächlich die Grundlage für seine späteren Hollywood-Filme?

Ja. Damals lernte er, grosse Produktionen mit wenig Geld zu machen. In Hollywood dreht er dann «Melvin and Howard» oder «Swing Shift», stiegt dann aber gleich wieder aus und machte den Konzertfilm «Stop Making Sense» über die Talking Heads. Demme war immer sehr nahe bei der Popkultur, aber auch bei der progressiven Musik.

Dann kam «Something Wild», eine Art Roadmovie mit Melanie Griffith. Dieser Film räumt mit den ganzen bürgerlichen Geschichten auf. Eine junge Frau verführt und entführt einen Manager und zeigt ihm ein anderes Amerika.

Der Film machte in den 1980er-Jahren Furore gemacht und hat mich damals schwer beeindruckt.

«  Demme konnte heikle Themen publikumswirksam umsetzen. »

Ein Film, der auch Furore gemacht hat, war «Philadelphia» mit Tom Hanks. Ist das auch wieder so ein Antifilm nach dem «The Silence of the Lambs»-Blockbuster?

«Philadelphia» ist ein Spezialfall. Damals fühlte sich Hollywood verpflichtet, einen Aids-Film zu machen. AIDS war in aller Munde, aber man traute sich nicht, das Thema zum Mainstream-Kino zu befördern.

Jonathan Demme mutete man das zu. Er konnte heikle Themen aufgreifen und daraus publikumswirksames Kino machen.

Was sonst definiert Jonathan Demmes Stil?

Der direkte Blick in die Kamera. Wenn Hannibal Lecter Clarice Starling anguckt, dann schaut er auch uns an. Das war eines von Demmes Markenzeichen.

Demme ist gestern in New York gestorben, erst 73 Jahre alt. Nun steigen die Fernsehstationen in ihre Archive und holen Filmmaterial hervor. Was empfehlen Sie als Einstiegsfilm, um Demme kennenzulernen?

Das spielt keine Rolle. Alles, was angeboten wird: bitte ansehen! Es lohnt sich. Bei jedem Film Demmes spürt man seine Sorgfalt, packend zu erzählen und gleichzeitig immer noch etwas Zusätzliches mitzugeben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 27.4.2017, 8:20 Uhr