Lebenszeichen aus der Jugendpsychiatrie

Der deutsche Filmemacher Constantin Wulff porträtiert den Alltag einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nähe von Wien. Der Film «Wie die anderen» ist eine formvollendete Langzeitstudie, die auch vor den harten Tatsachen nicht die Augen verschliesst.

Eine junge Frau mit schwarzem Haar und Nasenring liegt auf einem Bett.

Bildlegende: Mädchen mit selbstzerstörerischen Gewohnheiten: auch sie haben sich von Constantin Wulff filmen lassen. Filmbringer Distribution

Kann man in einer Jugendpsychiatrie filmen? Willigen Kinder und Jugendliche ein, da mitzuwirken? Machen Ärztinnen und Pfleger mit? Constantin Wulff wusste es nicht sicher.

Vielleicht lag es am Erfolg seines Dokumentarfilms «In die Welt» über eine Wiener Geburtsklinik, vielleicht am Leistungs- und Vertrauensbeweis, den er zweifellos darstellt: Nicht nur die Klinikleitung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Niederösterreich sagte zu. Sondern auch die meisten Jugendlichen und Kinder und ihre Eltern.

Video «Trailer zu «Wie die anderen»» abspielen

Trailer zu «Wie die anderen»

1:59 min, vom 10.2.2016

Klarheit der Konstruktion

Wer «Wie die anderen» gesehen hat, weiss auch warum. Wulff erzählt von kranken Menschen und ihren Angehörigen, von Ärzten und Pflegern, von kleinen Kindern in kritischen Situationen, von jungen Mädchen mit selbstzerstörerischen Gewohnheiten. Und er tut dies mit Distanz und Ernsthaftigkeit, mit Neugier, Zurückhaltung, Anstand und Zuneigung. Kurz: Er filmt mit einer klaren, zuverlässigen Haltung.

Wie stark der Film geworden ist, beweist nicht zuletzt die Selbstverständlichkeit, mit der er wirkt, die Leichtigkeit und Klarheit seiner Konstruktion. Wie der grosse US-amerikanische Dokumentarfilmer Frederick Wiseman (der im Abspann auch verdankt wird), blickt Constantin Wulff mit Interesse auf die Institution. Und immer im Bewusstsein um die eigenen und die fremden Vorurteile, die keine bleiben sollen.

Ohne Kommentar

Wie beim «Direct Cinema»-Pionier Wiseman entsteht auch bei Wulff ein stetig klarer werdender Eindruck dieser Institution, ohne Kommentar, ohne Nachfragen im Film: einfach über das Beobachten, das Zuhören, das Hinblicken – und die schlüssige, unaufdringliche, täuschend leicht und selbstverständlich wirkende Montage der Eindrücke zu einem Realitätsabbild aus ungestellten Fragen.

Dabei kommt die Dramaturgie nie zu kurz. Ob der Arzt mit seiner Patientin über ihr Selbstbild verhandelt und sie zwischendurch ganz direkt fragt, ob sie jetzt eben versucht habe, ihn zu manipulieren, oder ob im Team diskutiert wird, wie einem offensichtlich sexuell missbrauchten Kind geholfen werden kann: Stets spielt die menschliche Interaktion die Hauptrolle.

Gefüge und Gefühle

Das ist die grosse Kunst des Dokumentarfilms: die Balance der menschlichen Spannung, die Dosierung des Kampfes, die Abwägung der Kräfte und der Abgründe. Eine Diskussion mit dem Klinikleiter über das Fehlen eines Facharztkollegen wird zu einem Angelpunkt im institutionellen Gefüge, das der Film sichtbar macht. Sie wird auch zum Haken, an dem jeder Zuschauer hängen bleibt, der auch nur ansatzweise mit unserer europäischen Arbeitswelt verhängt ist.

Über diesen Haken einerseits und die gezeigten Einzelschicksale andererseits erfolgt die Annäherung an eine Institution, die den gleichen Gesetzmässigkeiten unterliegt wie alle unsere gesellschaftlichen Institutionen. Auch wenn sie von besonders geduldigen, einfühlungswilligen und hochspezialisierten Menschen ebenso belebt ist wie von besonders tragischen, extremen oder hilflosen Versionen von uns selbst in weniger glücklicher Ausprägung.

Institutionell verordnete Gewalt

Dabei spart Wulff auch die harten Momente nicht aus. Er zeigt, was es braucht, bis eine Patientin auf dem Bett angebunden werden muss. Wie die Abläufe sind, wie hart die Entscheidung für die Pflegerinnen ist, was es dabei alles zu bedenken gibt, und was dieser institutionell verordnete und offensichtlich notwendige Gewaltakt mit sich bringt. Und das bringt der Film in aller Intensität fertig, ohne das Festbinden selbst zeigen zu müssen.

«Wie die anderen» möchte ein Junge sein, der zu Beginn des Films einer Ärztin seine Situation schildert, mehrdeutig, auf ihre Fragen und Wünsche genau so eingehend wie auf seine eigenen, im Spiel mit der Abhängigkeit und der Hilflosigkeit, als williger und demütiger Patient ebenso sehr wie als manipulativer Erfüller angenommener Erwartungen.

Einsame Klasse

Der Dokumentarfilm von Constantin Wulff hat diese Lebendigkeit und Intelligenz aufzuweisen. Er ist wie die anderen, die Besten, jene, denen man Blut, Schweiss und Tränen ihrer Entstehung nicht mehr ansieht, ein Film, der sein Ziel mit Würde, Haltung und täuschender Leichtigkeit erreicht, formvollendet, packend, informativ und überzeugend.

Filmstart: 11. Februar 2016

Sendung zu diesem Artikel