Liam Neesons harter Rollenwechsel: einst Feingeist, heute Grobian

In den 90er-Jahren war der Nordire ein Liebling der Filmkritik. Keiner verkörperte den sensiblen Gutmenschen so gut wie der oscarprämierte Hauptdarsteller von «Schindler’s List». Mittlerweile pfeift der 62-Jährige auf preisträchtige Parts und macht mit Knallbumm-Streifen wie «Taken 3» kräftig Kasse.

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Liam Neeson, der Actionstar

2:48 min, vom 8.1.2015

Rückblende ins Jahr 1994: Liam Neeson kriegt als frischgebackener Oscarpreisträger ein verführerisches Angebot. Er soll der neue James Bond werden. Ein Angebot, das man normalerweise nicht ausschlägt. Doch Neeson sagt nein. Der gefeierte Charakterdarsteller lässt die 007-Produzenten wissen, er sei nicht interessiert, in Actionfilmen mitzuwirken. Statt sich mit «GoldenEye» eine goldene Nase zu verdienen, heiratet er Natasha Richardson. Für die Tochter von Schauspielikone Vanessa Redgrave war angeblich von Beginn weg klar: Ein Bond-Darsteller kommt als Gatte nicht in Frage!

Ein Schicksalsschlag macht Neeson zum zähen Kämpfer

2009 dann der grosse Schock nach 15 Jahren Ehe. Natasha Richardson, inzwischen zweifache Mutter, stirbt bei einem Skiunfall. Liam Neeson stürzt sich vom Verlust schwer getroffen in die Arbeit. Da er auf bedeutungsschwangere Dramen keine Lust hat, tobt er sich in Actionfilmen aus. Die Figur des zornigen Helden in «Taken», die er kurz vor Richardsons Tod zum ersten Mal verkörpert hatte, wird seine neue Leinwand-Identität. Während das Feuilleton irritiert auf Neesons plötzlichen Imagewandel reagiert, feiert ihn das Publikum als «Badass». So werden im Selbstjustiz-vernarrten Amerika die richtig toughen Helden genannt, die keine Gnade kennen.

Schwarzenegger und Stallone können einpacken

Liam Neeson posiert vor dem Plakat des Toronto International Film Festival.

Bildlegende: Je böser, desto besser. Liam Neeson gibt den Fans die Gesten, die sie sehen wollen. Reuters

Aus ökonomischer Sicht ist Neesons späte Hollywood-Karriere als Actionstar eine einzigartige Erfolgsstory. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» titelte kürzlich: «Liam Neeson ist der letzte Actionheld». Diese auf den ersten Blick gewagte These lässt sich mit Zahlen untermauern: «Taken 2» spielte 375 Millionen Dollar ein. Das ist mehr als die letzten beiden Schwarzenegger-Stallone-Streifen zusammen, obwohl weder «Escape Plan» noch «The Expendables 3» echte Flops waren.

Kein Wunder konnte Liam Neeson für den dritten Teil von «Taken», der diese Woche in unseren Kinos startet, die persönliche Rekordgage von 20 Millionen Dollar verlangen. Trotz der hohen Summe weiss Produzent Luc Besson: Das ist gut investiertes Geld. Anders als Arnold Schwarzenegger (67) und Sylvester Stallone (68) steht Liam Neeson (62) derzeit nämlich in der Blüte seiner zweiten Schauspiel-Karriere. Und: Der Mann ist noch relativ unverbraucht – schliesslich hat er das Actiongenre erst vor sieben Jahren für sich entdeckt.