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Film & Serien «Meine Mutter, die Göttin», die Pianistin Martha Argerich

Die argentinische Pianistin ist als «Löwin am Klavier» weltbekannt, Interviews und Kameras meidet sie aber wie ein scheues Tier. Nur ihre Tochter Stéphanie Argerich durfte mit einer Kamera ganz nah an sie heran: Mit «Meine Mutter, die Göttin» hat sie ein intimes Filmportrait geschaffen.

Mutter und Tochter sitzen auf einer Wiese. Die dunkelhaarige junge Frau trägt Lockenwickler im Haar und hölt ein Eis in der Hand. Das Kind fasst nach der Mutter.
Legende: Dokumentarisches Material, um Distanz zu schaffen: Hier ein Polaraoid von Martha Argerich mit ihrer Tochter Stéphanie. Xenix Filmdistribution

Stéphanie Argerich dreht ihren ersten langen Film - und gleich mit einer so kapriziösen Hauptdarstellerin. Indes, der Filmanfang macht die grosse Pianistin erst einmal zur Statistin. Und zur Grossmutter. Sie steht abseits eines Spitalbettes, in dem Stéphanie, ihre Tochter, ein Kind zur Welt bringt.

Ein kleiner Junge ist da zur Welt gekommen. Obschon Martha Argerich lieber ein Mädchen gehabt hätte: Mädchen sind interessanter, sagt sie ihrer Tochter. Stéphanie Argerich nimmt die Geburt ihres zweiten Kindes zum Anlass, über ihre eigene, ziemlich verrückte Familie und ihre Kindheit nachzudenken. Und sie tut es mit einer Kamera, mit der sie ihre Mutter, die sonst so scheue Pianistin, auf Schritt und Tritt verfolgt: Martha Argerich in allen Lebenslagen, beim Üben, vor dem Auftritt, beim Essen, beim Gähnen, beim Schlafen.

Gespräche über Liebe

Manchmal ist es fast ein bisschen viel und nah, aber mit dokumentarischem Material schafft sie immer wieder Distanz. Und ab und zu schafft sie es auch, ihre Mutter in ein Gespräch zu verwickeln. Über Musik erfahren wir zwar nichts oder nicht viel, «ich weiss es nicht» oder «ich kann es nicht sagen» scheinen Lieblingssätze von Argerich zu sein.

Hingegen erzählt sie der Tochter, warum sie sich stets von den Männern und den Vätern ihrer Kinder getrennt hat, dass sie sich aber trotzdem nach Liebe sehnt, und dass sie ihre Jüngste, Stéphanie, immer und über alles geliebt habe.

Eine ahnungslose Mutter

Es war eine aussergewöhnliche Kindheit. Die Mutter war fern und doch so nah. In früheren Tagen sieht man sie mit den Kindern herumtollen, einer Hundemutter mit ihren Welpen gleich. Aber alles in allem war es ein unstetes Leben: Die Familie, eine Mutter mit zwei Mädchen, zieht von Stadt zu Stadt, von Land zu Land.

Man lebt zu dritt in einer WG, die grössere der Töchter schaut, dass die Kleine zur Schule geht. Und wenn Stéphanie keine Lust hat, was ziemlich oft vorkommt, schwänzt sie und schreibt sich die Entschuldigung selber. «Sehr geehrte Lehrerin, meine Tochter Stéphanie war krank», unterschrieben mit Martha Argerich.

Sie hat keine Ahnung, diese Mutter. Und der kleine Racker Stéphanie weiss gut Profit daraus zu schlagen. Einmal bringt sie eine schlechte Note nach Hause, eine zwei oder noch schlechter. Mutter Martha zeigt sich begeistert, lobt das Kind über den grünen Klee, in völliger Unwissenheit über das Schul- und Notensystem.

Legende: Video Martha Argerichs Lieblingssatz: «Je ne sais pas.» abspielen. Laufzeit 00:13 Minuten.
Aus Box Office vom 31.03.2013.

Schlafplatz unter dem Flügel

«Meine Eltern», so erzählt Stéphanie Argerich aus dem Off, «losten meine Namen aus.» Von Vater Stephan (Kovachevic) bekommt sie den Vornamen, von der Mutter den Nachnamen. Stéphanie Argerich. Viele berühmte Leute besuchen die Mutter, es gibt Geschenke, aber wenn es der Kleinen nicht passt, packt sie einfach zu und beisst. Den japanischen Impresario genauso wie den Cellisten Mstislav Rostropovitsch.

Kichernd erzählt die Filmerin diese Geschichte. Oder wie sie der Mutter den Pass unter dem Teppich versteckte, um sie daheim zu halten. Der liebste Schlafpatz der Kleinen war unter dem Flügel, ihre Bilder an die klavierspielende Mutter beginnen bei den Füssen und Zehen, die die Pedale bearbeiten.

Familiengeheimnisse

Ein bisschen französisch, leicht, heiter und très charmant mäandert die Geschichte dieser verrückten Familie vor sich hin, bis die Filmerin ihren Vater in London besucht und feststellen muss, dass er in allen den Jahren seine Vaterschaft nie anerkannt hatte. Inconnu steht noch immer auf Stéphanie Argerichs Geburtsschein. Warum, fragt sie heulend. Aber ihr Erzeuger hat keine Antwort.

Ein zweites Mal bohrt der Film unerwartet in die Tiefe, hinein in die Argerich'schen Familiengeheimnisse. Denn plötzlich taucht da eine grosse Schwester auf, die jahrelang von allen, auch von der Mutter ferngehalten wurde und beim Vater in den USA aufwachsen musste. Lyda. Stéphanie hat ihre Geschichte recherchiert.

Am Anspruch, Kunst, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist Martha Argerich kläglich gescheitert. So die Bilanz ihrer Tochter. Und trotzdem war da viel Wärme im ganzen Chaos.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Barbara Flückiger, Zürich
    Nein, gescheitert ist Marta Argerich keineswegs, weder als Mutter noch als Pianistin. Nur hat sie sich den üblichen Normen verweigert. Ich finde den Film grossartig, weil er ein ungewöhnliches Familienleben aus einer ganz gewöhnlichen Perspektive zeigt. Das hat mich zutiefst berührt.
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