«Miele» – Todessehnsucht eines gesunden Menschen

Euthanasie: Ein heikles Thema, umstritten in Europa und besonders in Italien. Das Dogma der Unantastbarkeit des Lebens ist eine schwere Bürde für viele Ärzte und ihre Patienten. Im italienische Drama «Miele» möchte der gesunde Rentner Carlo mit dem Leben abschliessen.

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Keine 3 Minuten: «Miele»

2:57 min, vom 4.7.2014

Miele, das italienische Wort für Honig, ist der Deckname von Irene, einer jungen Frau, die austherapierten Kranken zu einem würdevollen Tod verhilft. Obwohl der Deckname Milde suggeriert, ist Irene eine Frau, die sich einen dicken Panzer zugelegt hat. Als der Ingenieur Carlo Grimaldi Irenes Dienste in Anspruch nehmen möchte, steht die Frau vor einem Dilemma: Carlo ist keine 70 und kerngesund. Er hat einfach das Leben satt. Die Begegnung wird zum Prüfstein für Irenes Überzeugung.

Das stärkste Zitat

Hauptdarstellerin Jasmine Tinca und Hauptdarsteller Carlo Cecchi hören zuzsammen Musik aus dem iPod

Bildlegende: Irene und Carlo (Jasmine Tinca und Carlo Cecchi). filmcoopi

«Also, sagen Sie mir alles, ich bin in Ihren Händen, es ist das erste Mal, dass ich sterbe!» Carlo beim ersten Treffen mit Irene, die ihrem «Patienten» das todbringende Schlafmittel mitbringt.

Fakten, die man wissen sollte

2009 löste der Tod von Eluana Englaro in Italien eine heftige Debatte um Sterbehilfe aus. 17 Jahre lang hatte die Frau im Wachkoma gelegen. Bis zum Obersten Gerichtshof Italiens musste Eluanas Familie klagen, damit die künstliche Ernährung eingestellt wird. Am 2. Februar 2009 ist es soweit. Eluana Englaro stirbt wenige Tage später in einer Privatklinik in Udine. Das lang erkämpfte Gerichtsurteil wollte der damalige Ministerpräsident Berlusconi dann noch per Eildekret verhindern.

Da Präsident Napolitano es ablehnte, das Dekret zu unterzeichnen, brachte Berlusconi noch am selben Tag einen Gesetzesentwurf ein, der Ärzte, welche die künstliche Ernährung abbrechen, mit Haftstrafen belegt. Dem Entwurf stimmte der italienische Senat eineinhalb Monate später, am 26. März 2009, mehrheitlich zu.

Die Regisseurin

Regisseurin Valeria Golino hinter der Kamera zeigt mit dem Finger auf etwas

Bildlegende: «Miele» ist Valeria Golinos erster langer Spielfilm. filmcoopi

Valeria Golino gehört zur ersten Garde italienischer Schauspielerinnen der Gegenwart. 1986 gewann die Neapolitanerin bei den Filmfestspielen von Venedig den Volpi-Pokal als beste Darstellerin in Francesco Masellis «A Tale of Love». International bekannt wurde sie an der Seite von Tom Cruise in «Rain Man».

Zu Julia Roberts dürfte sie ein eher gespanntes Verhältnis haben. Die Amerikanerin schnappte ihr die Hauptrolle in «Pretty Woman» und in «Flatliners» vor der Nase weg. 2010 hatte Golino ihr Debüt als Regisseurin mit dem Kurzfilm «Armandino e il Madre». Ihr erster langer Spielfilm «Miele» wurde 2013 in der Sektion «Un certain regard» beim Filmfestival in Cannes gezeigt und war im gleichen Jahr für den Europäischen Filmpreis in der Kategorie «Bester Nachwuchsfilm» nominiert.

Das Urteil

Mutig stürzt sich Regisseurin Valeria Golino in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm auf das interessante und umstrittene Thema und vermeidet es, Stellung zu beziehen. Die Moral ist ihr egal. Golino erzählt linear einen in sich geschlossenen Lebensabschnitt ihrer Heldin Irene.

Dabei gelingen der Regisseurin und ihrem Kameramann Bilder von grosser Schönheit. Die Szenen, in denen Irenes Lebenswut zelebriert wird, drängen die wenigen Bildern des Sterbens in den Hintergrund. Erwähnenswert ist der Tonschnitt, eine perfekte Mischung von Atmosphäre, Stadtlärm und Musik aus dem iPod. «Miele» ist ein sehenswerter Film, voller Einfallsreichtum und Schönheit.