Neo-Noir à la chinoise

Ein düsterer China-Krimi räumte unerwartet den Hauptpreis auf der letzten Berlinale ab. «Black Coal, Thin Ice» ist brutal: Nicht wegen Gewaltszenen, sondern der Darstellung seiner kaputten Welt – gehüllt in bunte Neon-Farben. Ein Film Noir aus dem Reich der Mitte. L’art pour l‘art oder grosses Kino?

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Keine 3 Minuten: «Black Coal, Thin Ice»

2:58 min, vom 21.1.2015

Ein trostloses Industrie-Kaff im Norden Chinas. Auf mehreren Kohlehalden werden unterschiedliche Körperteile gefunden. Kommissar Zhang vermasselt die Ermittlungen – mit tödlichen Folgen für seine Kollegen.

Fünf Jahre später: Aus dem Kommissar ist ein versoffener, antriebsloser Wachmann geworden. Doch dann geschieht ein ähnlicher Mord wie damals. Zhang gibt sein Comeback als Superbulle und ermittelt auf eigene Faust. Nicht nur der Fall wird ihm zur Obsession. Alle Spuren führen zur schönen Witwe des ersten Opfers. Er verfolgt sie, verfällt ihr und scheint die Kontrolle zu verlieren.

    • Polizist im Kohlewerk

      Bildlegende: blabla Frenetic

      Das makaberste Zitat

      Nach der Entdeckung von Körperteilen im Kohlewerk, spekulieren Bergarbeiter, zu wem der grausige Fund gehören könnte: «Ich hörte, dass in anderen Kohlehalden der Provinz auch Körperteile gefunden wurden.» «Haben sie den Kopf schon?» «Und ich habe gehört, dass es eine nackte Frau war. Ein Wachmann soll eine Brust gefunden haben.» Gelächter.

    • Der Regisseur Diao Yinan

      Bildlegende: Diao Yinan Frenetic

      Der Regisseur

      Bis vor einem Jahr kannten ihn nur Liebhaber asiatischer Arthouse-Filme. Aber seit der letzten Berlinale ist sein Name ein Begriff. Diao Yinan gewann dort mit «Black Coal, Thin Ice» den Goldenen Bären. Mit seinen Filmen führt er durch das China von heute. Nicht in die boomenden Städte wie Shanghai, sondern in unbedeutende Industrie-Provinzen. Oft zeigt er das Leben der einfachen Arbeiterschicht. Auf Zensur pfeift Diao Yinan. Auch wenn manch ein Film deshalb nicht in den chinesischen Kinos gezeigt werden darf. Wie sein letzter Film «Night Train», in dem es um eine liebeshungrige Gefängnis-Henkerin ging. China, das Land mit einer der höchsten Exekutionsraten, kam nicht gut weg.

    • Eisskulpturen-Festival

      Bildlegende: blabla Reuters

      Fakten, die man wissen sollte

      «Black Coal, Thin Ice» soll in einem kleinen Provinznest spielen. Aber in echt wurde der Film in der Millionen-Industriestadt Harbin gedreht. Die Stadt liegt im Nordosten Chinas und wird auch «kleines Moskau» genannt. Die Schwerindustrie-Stadt ist bekannter, als so manch einer meint. Oder zumindest ihr spektakuläres Eisskulpturen-Festival. Die Bilder der bunt beleuchteten, riesigen Eisschlösser gehen jedes Jahr um die Welt.

    • Mann und Frau sitzen sich gegenüber

      Bildlegende: blabla Frenetic

      Das Urteil

      Feuerwerk am helllichten Tage. So lautet die deutsche Übersetzung des chinesischen Originaltitels. Feuerwerk am helllichten Tage, so heisst auch ein Vergnügungspalast in der düsteren Kriminalgeschichte. Der Regisseur wählte bewusst einen Ort der Sehnsüchte für den Ursprung und das Ende seines Dramas. Was diesen Krimi so spannend macht, ist nicht die Jagd nach dem Täter. Sondern die Frage, ob es die Hauptfiguren schaffen, ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Mit ästhetischen Bildern erzählt Regisseur Diao Yinan seine Geschichte nicht über erklärende Dialoge, sondern über subtile Stimmungen und Emotionen. «Black Coal, Thin Ice» ist kein Popcorn-Kino, doch wer sich auf diese skurrile Welt einlässt, wird es nicht bereuen.