Provokativ, rebellisch: «American Honey» ist revolutionäres Kino

Mit «American Honey» hat die Engländerin Andrea Arnold ihren ersten Film in den USA gedreht. Das Roadmovie rund um eine Truppe jugendlicher Hippies erinnert mit seiner halbdokumentarischen Art an Larry Clarks «Kids». Es ist ein Film mit Figuren, die man im Kino so noch nie erlebt hat.

Jugendliche sitzen am Strassenrand.

Bildlegende: On the road: Die Hippie-Truppe schlägt sich mit dem Verkauf von Zeitschriften-Abos durch. Focus Films

Die junge Star (Sasha Lane) verlässt ihre jüngeren Geschwister und ihr kaputtes Familienumfeld und schliesst sich einer Truppe jugendlicher «Verkaufshippies» an. Für wenig Geld verhökern sie von Tür zu Tür Zeitschriften-Abos und leben permanent «on the road».

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Ausschnitt aus «American Honey»

1:16 min, vom 17.5.2016

Rebellisch bis ins Detail

Schon bald verliebt sich Star in Jake, den Meisterverkäufer der jungen Truppe – gespielt von Shia LaBeouf. Er ist zugleich Rekrutierer und der halboffizielle Liebhaber von Krystal, welche die bunte Truppe mit harter Hand leitet.

Aber Star ist kein verträumter Teenager, sie ist rebellisch bis ins Detail, verweigert sich sogar Jakes Anleitung beim Verkaufen, weigert sich, irgendwelche Geschichten für den Abo-Absatz zu erzählen – und erwirkt sich gerade dadurch seinen Respekt. Und die Feindschaft von Krystal.

Slogans, Rap und gruppendynamische Spielchen

Star ist eine ungewöhnliche Frauenfigur, weder zahm noch duldsam, aber auch nicht offensiv aggressiv, provozierend direkt und herausfordernd. Und die jugendliche Verkaufstruppe im Tourbus mit ihren Motelaufenthalten, ihrer Musik und ihren Ritualen erinnert tatsächlich mehr an einen Stamm, einen Wanderzirkus, eine Hippie-Kommune «on the road».

Doch die Freiheit, welche sich diese jungen Menschen leisten, hat einen Preis. Ihr Job ist Knochenarbeit. Sie pushen sich mit Slogans, Rap und gruppendynamischen Spielchen wie ein McDonald’s- oder Apple-Verkaufsteam von Leistung zu Leistung.

Ein Mädchen mit Rastazöpfen macht einen Luftsprung.

Bildlegende: Unerschrocken und rebellisch: Star (Sasha Lane) verlässt ihr kaputtes Familienumfeld und lebt auf der Strasse. Focus Films

Beziehungen sind untersagt

Im Prinzip hat der wilde, überschwängliche Haufen die kapitalistischen Grundregeln für sich adaptiert und knallhart zu einem Stammesritus gemacht.

Gleichzeitig wird aber fast alles dermassen offen deklariert und ausgesprochen, dass niemand behaupten kann, er oder sie sei nicht aus freien Stücken dabei.

Ausser, wenn es um Liebe oder Beziehungen unter den Gruppenmitgliedern geht. Die sind nicht erlaubt, denn die würden sich der Kontrolle der Chefin entziehen. Natürlich aber lässt sich gerade diese Dynamik nicht unterdrücken.

Figuren, die man so noch kaum je erlebt hat

Andrea Arnolds bisherige Filme spielten in ihrer britischen Heimat. «Red Road» (2006) war ein Überwachungskamera-Thriller, «Fish Tank» (2009) die Geschichte einer 15-Jährigen aus dem britischen Prekariat und mit «Wuthering Heights» (2011) hat sie dann gar noch ihre sehr eigenwillige Interpretation des Brontë-Romans realisiert.

Nun ist «American Honey» ihr erster in den USA gedrehter und auch dort spielender Film. Ein Experiment einmal mehr, mit grossen Ambitionen, die Arnold weitgehend einlöst. Auffällig ist schon das heute kaum mehr gebräuchliche alte Fernsehformat 4:3 statt 16:9.

Ein Film mit deutlicher Handschrift

Dass Star trotz ihrer Provokation und ihren zum Teil fahrlässig naiven Verkaufsversuchen nie missbraucht wird, obwohl sie sich wiederholt in zweifelhafte Männergesellschaft begibt, damit spielt der Film wohl auch.

Und das ist ein verblüffendes, ja, fast beschämendes Spiel. Man merkt als Zuschauer, wie sehr uns das Genrekino konditioniert hat. Und man merkt, wie eigenständig, frei und überraschend gerade ihre unerschrockene, nicht ängstliche Haltung die Figur von Star macht.

«American Honey» hat nicht durchwegs die gleiche Dichte und ob die ganzen 162 Minuten wirklich zwingend sind, fragt man sich auch gelegentlich. Aber das ist ein Film mit einer deutlichen Handschrift, mit Figuren, die man so noch kaum je erlebt hat auf der Leinwand und vor allem mit einem Blick, der sich ganz eindeutig vom gewohnten Männerblick des Kinos abhebt.

Kinostart: 13.10.2016