Schweizer Filmpreis: Die Türkei schlägt «Heimatland» & Co.

Dialekt? Diesmal nicht. Der wichtigste Schweizer Filmpreis 2016 geht an «Köpek» – einen türkischsprachigen Film: Esen Işik überzeugt die Akademie mit ihrem Plädoyer gegen Gewalt und Diskriminierung in ihrem Heimatland. Happy End für einen Episodenfilm, dessen Geschichten blutig enden.

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Der Schweizer Filmpreis 2016

94 min, aus Schweizer Film vom 18.3.2016

Es ist ein Glück für die Schweiz, dass Esen Işik einen Schweizer Film gedreht hat. Zunächst sah es nicht danach aus: Die in Istanbul aufgewachsene Kurdin politisierte sich früh. Nach einem sechsmonatigen Gefängnisaufenthalt folgt sie mit 19 ihrem Verlobten in die Schweiz. Doch die Ehe scheitert. Nach damaligen Schweizer Recht hätte Işik das Land verlassen müssen.

Sie findet einen anderen Weg. Bleibt hier. Studiert an der Zürcher Hochschule der Künste. Und realisiert einen Kurzfilm, der das Unrecht von unglücklich verheirateten Migrantinnen in der Schweiz thematisiert. Der Film schafft es bis ins Bundeshaus.

Fünf Nominationen, zwei Preise

Für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm kehrt Esen Işik nach Istanbul zurück. In der Schweiz erhält «Köpek» Nominationen in fünf Kategorien. Zwei kann «Köpek» in Preise verwandeln: Beren Tuna wird zur besten Darstellerin gekürt. Und den Quartz für den «Besten Film» darf sich Esen Işik von der Bühne des Schiffbaus holen.

Zu Recht: «Köpek» (zu Deutsch: Hund) ist ein wahrer, in seiner episodischen Erzählform spannender, in seiner Sprache authentischer Film. Kurz: in jeder Hinsicht ausserordentlich, preiswürdig und (ausser finanzierungstechnisch) unschweizerisch.

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Der Schweizer Filmpreis 2016 – die Gewinner

36 min, aus Schweizer Film vom 18.3.2016

Gespaltene Gesellschaft

Auch wenn er weder von Flüchtlingen noch von Terroristen handelt: «Köpek» ist so aktuell und politisch, wie es ein Film nur sein kann. Isik folgt ihren Antihelden durch eine hasserfüllte Welt: Eine verheiratete Frau trifft sich heimlich mit ihrem Ex-Verlobten. Ein Transsexueller verliebt sich unglücklich in den Apotheker. Und der Sohn einer Klofrau und eines arbeitslosen Säufers schwärmt für ein Schulmädchen aus der Oberschicht. Geschichten mit blutigem Ausgang.

Was Kameramann Gabriel Sandru herausragend in Szene setzt ist die zutiefst gespaltene türkische Gesellschaft, die trotz des Anspruchs eines modernen Staates in patriachalen Strukturen verharrt und erbärmlich wirkt, im Taumel zwischen Tradition und Modernität. Bester Nährboden für Terror und Krieg.

Das klingt hoffnungslos. Ist es auch. Da so eine Gala wie die Verleihung des Schweizer Filmpreises nicht nur Trübsinn blasen will, durfte Esen Işik zur Freude aller lächeln. Allein die Entscheidung der Filmakademie, «Köpek» zum «Besten Film» zu wählen, macht Hoffnung.

Kein Widerspruch

Im Vorfeld freilich durfte man an der Akademie zweifeln: Ausgerechnet die Kassenschlager «Heidi» und «Schellenursli» wurden nur in Nebenkategorien nominiert. Da stellte sich die Frage, ob die Filmbranche von Neid zerfressen sei. Oder einfach nur arrogant gegenüber dem Kinopublikum, dessen Geschmack die Filmschaffenden offenbar für unteilbar halten.

Die Filme selbst haben diese Bestrafung jedenfalls nicht verdient. Weit über den «Röschtigraben» und über Schweizer Grenzen hinaus erfolgreich, bestätigt vor allem «Heidi»: Publikumszuspruch und Filmkunst müssen sich nicht zwingend widersprechen.

Achtung, fertig, Steiner!

Nichts auszusetzen gibt es an der Wahl in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm». «Above and Below»: Nicolas Steiners sehr poetisch gestalteter Film erzählt von Aussenseitern in den USA: episodisch – wie der Spielfilm-Gewinner.

Allroundtalent Steiner ist manchem noch als Schauspieler in der RS-Komödie «Achtung, fertig, Charlie!» in Erinnerung. Nun lernt man ihn als Regisseur kennen, der die grosse Kunst beherrscht, die Welt weder erklären, retten noch ändern zu wollen – und doch engagiertes Kino zu machen. Seinen Protagonisten, Menschen am Rande der Gesellschaft, begegnet er mit nötigem Respekt.

Alte Bekannte

Mit Nicolas Steiner und Esen Isik kamen also zwei der Öffentlichkeit bisher eher unbekannte Filmemacher zu Ehren. Aber fast am Anfang betritt im Zürcher Schiffbau eine Bekannte die Bühne: Ursula Meier («Home», «L’enfant d’en haut»), deren Filme auf den Festivals von Berlin und Cannes für Aufsehen sorgten.

Den Schweizer Filmpreis hat Meier sich schon zwei Mal geholt. Und nun gibt es für «Kacey Mottet Klein, naissance d'un acteur» den dritten – in der Sparte «Bester Kurzfilm». Das ist die Kategorie für Anfänger.

Leer ausgegangen ist dafür Altmeister Bruno Ganz: Patrick Lapp («La vanité») gewinnt die Auszeichnung für den besten Schweizer Schauspieler des Jahres.

Die Gewinner des Schweizer Filmpreis 2016

Bester Spielfilm
Köpek
Beste DarstellerinBeren Tuna (Köpek)
Bester DarstellerPatrick Lapp (La vanité**)
Beste Darstellung in einer NebenrolleIvan Georgiev (La vanité**)
Bestes DrehbuchNichts passiert*
Bester DokumentarfilmAbove and Below*
Bester KurzfilmKacey Mottet Klein, Naissance d'un acteur**
Bester AnimationsfilmErlkönig
Beste FilmmusikAls die Sonne vom Himmel fiel (Marcel Vaid)*
Beste KameraSchellen-Ursli (Felix von Muralt)*
Beste MontageAbove and Below* (Kaya Inan)
Bester Abschlussfilm
Ruben Leaves*

* SRF-Koproduktion
** RTS-Koproduktion

Sechs Fragen an ...

Wir haben die Regisseure getroffen, die in der Kategorie «Bester Spielfilm» für den CH-Filmpreis nominiert waren.