Strapse für jedermann: Tim Curry wird 70

Er war der Wissenschaftler in Frauenkleidern – und seiner Zeit nicht nur in Sachen Mode voraus: Tim Curry hat als Frank N. Furter aus der «Rocky Horror Picture Show» Gender-Geschichte geschrieben. Das hat für ihn nicht nur gerockt.

Schwarzweissbild: Ein Mann in Frauenkleidern umringt von zwei Frauen und einem Mann.

Bildlegende: Scharf tönt nicht nur der Nachname: «Rocky Horror Picture Show»-Star Tim Curry singt «Sweet Transvestite». 20th Century Fox

«Diese Figur werde ich nicht mehr los.» Timothy James Curry weiss, worauf er sich einlässt, als er ja sagt zu Frank N. Furter. 1973 steht der Brite erstmals in Strapsen und Stöckelschuhen auf der Bühne – als ausserirdischer Transvestit vom Planeten Transsexual, der zur Galaxie Transsylvanien gehört. 1975 wird die Bühnenshow zum Kinofilm, zum Kult und Tim Curry zur gefeierten Ikone der Schwulenbewegung.

Attraktives Monster

«Das war eine Superperformance», sagt Toby Ashraf. Als schwule Ikone würde der Filmwissenschaftler, Festivalleiter und Publizist den britischen Schauspieler aber nur bedingt bezeichnen: Tim Curry habe diese Figur gespielt, aber nicht selbst erschaffen. Dass sie Frauenkleider trage, mache sie noch lange nicht zur homosexuellen Figur: «Transvestit, Transsexual, Transsylvanien: Frank N. Furter spielt mit den Labels, unter anderem mit der Bedeutung von trans*.» Was Frank N. Furter genau sei, bleibe jedoch offen.

Die «Rocky Horror Picture Show» ist das, was man später als «queeren Film» bezeichnen könnte, sagt Toby Ashraf. Im Zentrum steht eine Figur, die die bestehende heteronormative Ordnung lustvoll stört: «Das ist eine Art mainstream-tauglicher Protestfilm der sexuellen Revolution: Man sieht, wie ein langweiliges, weisses, heterosexuelles, monogames amerikanisches Mittelschichtspaar in das Schloss eines attraktiven Monsters kommt. Frank N. Furter verführt sowohl die Frau als auch den Mann - ist selber aber auf eine feste Geschlechterrolle nicht festlegbar.»

Untergrund für alle

Bemerkenswert ist, wie rasch die «Rocky Horror Picture Show» sich vom Community-Event der schwul-lesbischen Szene zum Massen-Ereignis für Heterosexuelle entwickelte. In den 1970ern Jahren spazierte Mann noch nicht einfach in Frauenkleidern durch die Strassen.

Was dem Erfolg des Films zweifellos zuträglich war: Er macht Spass. Das Schräge, Schrille überformt das anfangs Unheimliche, das in dem Film nicht zu knapp drin steckt. «Man könnte ihn mit seinen Anleihen am Gothic Horror – und ohne ihn gesehen zuhaben – leicht als transphobe oder homophobe Geschichte eines sexuellen Übergriffs deuten», sagt Ashraf. «Tatsächlich geht es aber um eine Befreiung aus den Fesseln des heterosexuellen Gefängnisses hin zu einer Utopie der geschlechterübergreifenden freien Liebe.»

Noch heute wiederholen sich in den Kinos auf der ganzen Welt dieselben Bilder: Wenn geheiratet wird, fliegt Reis in Richtung Leinwand. Wenn es donnert und blitzt, feuert das Publikum Wasserpistolen ab: «The Rocky Horror Picture Show» ist zu einem massenkompatiblen interaktiven Theater geworden, das sich bis in den Zuschauerraum hinein erstreckt.» Der Film, sagt Ashraf, sei längst so weit im Mainstream angekommen, «dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, was eigentlich geschlechterpolitisch alles passiert.»

Hauptsache Nebenrollen

Ob es mit Tim Curry anders gekommen wäre, wenn er sich nicht so früh vor aller Augen in Frauenkleider gestürzt hätte? Toby Ashraf mag nicht spekulieren. Meat Loaf hat trotz der «Rocky Horror Picture Show» eine grosse Karriere gemacht – Susan Sarandon auch. Tim Curry war zwar ein Leben lang auf der Musicalbühne eine grosse Nummer und hat Hörbücher eingesprochen. Im Film spielte er fast nur noch in Nebenrollen.

Bezeichnend, vielleicht: Für die angesagte Neuverfilmung der «Rocky Horror Picture Show» des US-amerikanischen TV-Senders Fox wird Tim Curry wieder vor der Kamera stehen. Diesmal als Erzähler.

Zur Person

Toby Ashraf ist Filmkritiker, Kurator, Moderator und Übersetzer. Er schreibt z.B. für die «taz» und «Indiekino», moderiert an der Berlinale Filmgespräche und arbeitet daneben in unterschiedlichen Funktionen für verschiedene Filmproduktionen. 2014 gründete er das Berlin Art Film Festival. Ashraf lebt in Berlin.