«The Impossible» – ein packendes Drama verkommt zum Rührstück

Der Film über die Tsunamikatastrophe 2004 fesselt zu Beginn, am Ende jedoch verliert man den emotionalen Zugang. Der spanische Regisseur Bayona vernachlässigt das menschliche Drama zugunsten einer Demonstration seines Regietalents. «The Impossible» verkommt zum absoluten Rührstück.

Video ««The impossible»» abspielen

Trailer zu «The Impossible»

2:25 min, vom 19.12.2012

«The Impossible» erzählt die wahre Geschichte einer spanischen Familie: Henry (Ewan McGregor) und Maria (Naomi Watts) machen mit ihren drei Kindern Weihnachtsurlaub in Khao Lak. Luxusferien im thailändischen Touristenreservat. Alles scheint bestens zu laufen, selbst der pubertierende Sohn Lucas (Tom Holland) hat Spass und die Beziehung zu den Eltern verbessert sich. Am zweiten Weihnachtstag kommt es zur Katastrophe: Der Tsunami überflutet die Küste und schwemmt alles und jeden weg. Die Familie wird getrennt. Während sich Henry mit den beiden jüngsten Söhnen irgendwie ins Hotel retten kann, werden Maria und Lucas weit in das Landesinnere gespült. Der Überlebenskampf beginnt.

Fesselnde und heftige Szenen

Juan Antonio Bayona, der 2007 den überragenden Horrorfilm «El orfanato» ablieferte, nimmt sich diesmal einer Naturkatastrophe und somit dem Genre Katastrophenfilm an. Nach einem kurzen Prolog kommt «The Impossible» schnell zur Sache. Die Szenen, in denen die Riesenwelle die Küste trifft und einfach alles von den Fluten mitgerissen wird, sind glaubwürdig inszeniert und animiert.

Dabei wendet Bayona ähnliche Mittel wie in seinem Horrorstreifen an, um den Zuschauer zu schocken. Geräusche kündigen das Grauen an und begleiten die Ereignisse des Schreckens. Fleischwunden, Blut und Kotze, aufgedunsene Kadaver und herzerweichende Hilfeschreie lassen den Zuschauer schaudern.

Mit vielen Close-Ups und einer unruhigen Kamera, die aber die wichtigen Bilder lange stehen lässt, entstehen packende und heftige Szenen, die sich einprägen und das Leiden der Protagonisten ohne Schonung zeigen. In diesem ersten Drittel hat der Film seine besten Szenen und fesselt den Zuschauer.

Karussell der Gefühle

Im zweiten Akt ist man in einem emotionalen Gefühlskarussell gefangen. Die Szenen der Katastrophe wirken noch nach, da beginnt Bayonas Ritt auf der Welle der Emotionen. Mutter und Sohn helfen, obwohl schwer verletzt, einem kleinen Jungen, der verlassen und verschüttet im Tohuwabohu liegt. Im Krankenhaus hilft Lucas verzweifelten Überlebenden vermisste Angehörige zu finden. Ein deutscher Tourist leiht Henry ein Handy, damit er seine Familie zu Hause anrufen kann.

Alle diese Szenen haben den Zweck, eine Achterbahnfahrt der Gefühle auszulösen, denn noch von den physischen Schmerzen der Hauptdarsteller geprägt, bekommt man jetzt hautnah die Trauer und den Verlust zu spüren, den solch eine Katastrophe mit sich bringt. Bei einigen Szenen funktioniert das, bei anderen nicht. Nicht alles erscheint logisch oder nachvollziehbar. Auch wenn es in Wirklichkeit so gewesen sein mag, dramaturgisch schadet es dem Film.

Bayonas «Tränentsunami»

In den letzten dreissig Filmminuten gerät «The Impossible» allerdings zum absoluten Rührstück. Bayona verliert sich in dem Versuch, einen Hollywood-Klon herzustellen. Bei den zahlreichen «Tränen-Close-Ups» wird unübersehbar, dass Steven Spielberg sein Vorbild ist. Bayona vernachlässigt dabei das menschliche Drama zugunsten einer Demonstration seines Regietalents.

zwei Männer auf einem verwüsteten Feld

Bildlegende: Regisseur Juan Antonio Bayona auf dem Set. Ascot Elite

Wollte Bayona mit den Tränen der Zuschauer eine Flutwelle im Kino auslösen? Anders kann man die übertrieben schwülstig inszenierten und mit einem saccharosesüssen Soundtrack glasierten Szenen nicht erklären. Konnte man sich am Anfang des Films mit den Darstellern noch identifizieren verliert man am Ende den emotionalen Zugang vollends. Schade.

Hinzu kommt, dass die westliche Perspektive des Films irritiert. Die Einheimischen treten höchstens mal als Helfer auf und in den Krankenhäusern wird nur Touristen geholfen. Was die Katastrophe für die Bevölkerung bedeutet, wird ausgeblendet.

Zurück bleibt emotionale Distanz

Man versteht den Willen des Regisseurs der Welt zu zeigen, dass das wirtschaftlich darbende Spanien einen Film mit Hollywood-Qualitäten herstellen kann. Eine lobenswerte Einstellung.

Das Problem ist, dass sich Juan Antonio Bayona in seinen cineastischen Spielereien verliert. Dabei hält er ein aussergewöhnliches menschliches Drama in Händen: Die authentische Geschichte einer spanischen Familie (warum ist sie im Film eigentlich amerikanisch?), die während des Weihnachtsurlaubs vom Tsunami überrollt wird und sich «in extremis» retten kann. Als Zuschauer bleibt man aber seltsam unberührt gegenüber dem Drama, das die Beteiligten erlebt haben.

Hintergrund

2004 verursachte ein Tsunami verheerende Schäden in den Küstenregionen am Golf von Bengalen, der Andamanensee und Südasien und forderte 230.000 Menschenleben.

«The Impossible» erzählt die authentische Geschichte einer spanischen Familie, die während des Weihnachtsurlaubs vom Tsunami überrollt wird und sich retten kann.

Kinostart

Der Film «The Impossible» (orig. «Lo Imposible») läuft ab dem 28. Februar in den Deutschschweizer Kinos.

Sendung zu diesem Artikel