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TV-Serien: Kult und Kultur «Freaks & Geeks»: Eine Serie über die Generation Nerd

Früher lachte das jugendliche Serienpublikum über Aussenseiter, die daran scheiterten, so zu sein wie andere. Die Kultserie «Freaks & Geeks» markierte 1999 eine Wende und ebnete den Weg für Nerds mit Role-Model-Status à la Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Ein kleiner junge sitzt in einem Zahnarztstuhl und trägt eine rieige Klammer im Mund. Im Vordergrund steht "Freaks and Geeks".
Legende: Der Zahnspangen-Nerd wird in «Freaks & Geeks» zum coolen Typen. Dreamworks SKG

Die Exposition ist mustergültig: In den fünf ersten Minuten von «Freaks & Geeks» (dt. «Voll daneben, voll im Leben») erfahren wir, was diese Show von den meisten vorangegangenen High-School-Serien unterscheidet: die 80er-Jahre. Von einem High-School-Footballfeld schwenkt die Kamera auf die Zuschauertribüne und zeigt dort einen blitzsauberen Football-Quarterback mit prototypischem Cheerleader über ihre Beziehung sinnieren. Sätze blubbern wie Blasen. Erinnerungen an monumentale Verirrungen wie «Beverly Hills, 90210» oder «Dawsons Creek».

Brille und Pickelgesicht

Schnell aber verlässt das Kameraauge das schöne Paar und äugt unter die Zuschauerbänke. Hier hocken drei der titelgebenden Freaks: Daniel (James Franco), Ken (Seth Rogen) und Nick (Jason Segel). Sie besprechen die Schwierigkeit, ihre Heavy-Metal-Götter auch im Gottesdienst angemessen verehren zu können. Dann fällt der Blick auf die in eine grüne Armeejacke gehüllte Lindsay (Linda Cardellini), die sich offenbar ratlos von den Freaks abwendet und damit den Blick freigibt auf Sam (John Francis Daley), Neal (Samm Levin) und Bill (Martin Starr), einen bebrillten Über-Nerd, neben dem sich die beiden anderen Pickelgesichter fast schon menschlich ausnehmen.

Durchschnittsvollpfosten gegen Geeks

Für Kenner sind die drei als «Geeks» schnell identifizierbar, geben sie sich zitierenderweise als Fans des Klamaukfilms «Caddyshack» zu erkennen; als Insider-Kultisten von Bill Murray in dessen Blödel-, das heisst Pre-Arthouse-Phase. Doch auf das heiss drehenden «Geek»-Universum folgt die Attacke der Aussenwelt auf dem Fuss. Drei Schüler – man liest aus ihren Gesichtern bereits den zukünftigen Macker-Durchschnittsvollpfosten – stellen sich dem nerdigen Trio in den Weg. Die Haue wird mit schwulenfeindlichen Beleidigungen vorbereitet. Doch bevor es dazu kommt, fährt Sams grosse Schwester Lindsey den Provokateuren in die Parade, was ihr der kleine Bruder später, nachdem die Trottel abgezogen sind, vorhalten wird.

Ein junger Mann sitzt vor einem Fenster auf dem Sofa und lächelt in die Kamera.
Legende: Vom Nerd zum Star: Mit «Freaks & Geeks» gelang Jason Segel als Nick Andopolis der Durchbruch. Keystone

«Freaks & Geeks» (1999) funktioniert oberflächlich wie eine x-beliebige High-School-Drama-Serie, bietet aber mit Aussenseitern im Zentrum eine andere Perspektive auf das Leben von Teenagern. Gefühlsstürme, sexueller Notstand, «Teen Angst»: alles da. Doch diesmal rühren mit ihren Storys die Freaks, Geeks und Nerds zu Tränen. Das Herz schlägt nun für jene, deren Versagen zuvor lediglich Anlass für Konservenlachen und Fremdschämen gewesen ist. Damit wirken Lindsey, Sam, Nick, Daniel & Co. in ihrem Scheitern zwar komisch, aber gleichzeitig lebensecht. - So ganz anders, als jene schönen, reichen und selbstbewussten Teenager in Mainstream-Serien, deren Weg ins privilegierte Erwachsenenleben mit aufgeblasenem Anpassungs- und Beziehungsknatsch gepflastert ist.

Menschen am Rande des Zusammenbruchs

Die beiden Showrunners Paul Feig («Bridesmaides») und Judd Apatow, als Autor, Regisseur und Produzent «spiritus rector» einer ganzen Generation von Comedy-Machern, befreiten in «Freaks & Geeks» den Aussenseiter von seinem Dasein als oberflächliche Sitcom-Knallcharge. Statt einfach mit Aussenseitern im Zentrum für Pointen zu sorgen, zeigt «Freaks & Geeks» zuallererst einfach Menschen – Menschen am Rande des Zusammenbruches, bevor ihr Leben überhaupt begonnen hat.

Einst vergewisserte sich das Publikum seiner eigenen Normalität, indem es über die Leben dysfunktionaler Familien wie jener der Bundys in «Married with Children» (1987-1997), der «Munsters» (1964) oder der «Addams Family» (1964) lachte. «Freaks & Geeks» dreht dieses Verhältnis um. Normalität und Sicherheit bieten nun die vom Aussenseiter obsessiv zusammenspintisierte Privatmythologie. Abnormal ist die Welt der Zuschauer, auf die «Geeks» wie Bill Haverchuck durch die Mattscheibe zurückblicken und lachen.

Als Normalos getarnte Spinner

Nun ist es die Inszenierung, die wir Erwachsenenwelt nennen, welche für den «Geek» undurchschaubar, beziehungsweise lachhaft ist. Was er wahrnimmt, sind ein unpersönlich-bizarres Regelwerk und zynische Ansprüche, die ständig zum Nachteil mit seinem «Geek-Universum» kollidieren.

Acht Jugendliche sitzen auf einer Bank und schauen in die Kamera.
Legende: «Freaks & Geeks» - ein Universum, fern der Erwachsenenwelt. Dreamworks SKG

Nicht erst seit «Freaks & Geeks» ist der Aussenseiter ein Narr, der dem König Witze erzählt und ihm die Welt verzerrt. Schon in David Lynchs «Twin Peaks» (1990/91) sahen unschuldige Kids ihr Umfeld als eine Hölle, bevölkert von als Normalos getarnten Spinnern. Prägend war wohl auch die Comedy-Serie «Seinfeld» (1989-1998), in der vier neurotische New Yorker ihre Existenz als High-School-Geeks ins Erwerbs- bzw. Erwachsenenleben verlängern. Narren sind auch «Beavis & Butt-Head», die (seit 1993) eher zufällig als absichtsvoll die Wahrheit aussprechen. Und schliesslich ist da auch noch Matt Stones/Try Parkers Trickfilmserie «South Park» (seit 1997), in der vier verhaltensauffällige Schulkinder die Erwachsenenwelt als das entlarven, was sie ist: ein von erwachsenen Idioten bevölkertes Tollhaus.

Um den Irrsin zu kontrollieren, braucht es einen Irren

In «Freaks & Geeks» – und das gab der Serie bei aller Komik und Null-Bock-Attitüde einen humanen Touch – wurden Erwachsene nicht nur als Täter, sondern vor allem auch als Opfer gezeigt. Opfer jener verrückten Logik, nach der wir gleichzeitig einzigartig und gleichförmig, rebellisch und angepasst sein müssen. Und das, um im globalen Überlebenskampf die scheinbar notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen. Wie kaum eine Serie zuvor und danach zeigt «Freaks & Geeks», wie komisch und schmerzvoll es ist, Menschen beim Versuch zuzuschauen, dieser Erfolgsformel zu entsprechen.

Was ist ein Nerd?

Vermutlich ist alles in der letzten Dekade noch etwas schneller, verrückter, bizarrer und komischer geworden. Seitdem hat die Erwachsenenwelt die richtige Portion «Nerdism», «Geekism» oder «Freaktum» als Ressource und Schlüssel zum Erfolg erkannt. Dies jedenfalls könnte denken, wer die Beliebtheit neuerer Profiler-Serien wie beispielsweise «Monk», «House», «Big Bang Theorie» oder «Sherlock» beachtet. Um den Irrsinn zu kontrollieren braucht es einen Irren.

Aber auch der Aufstieg von Nerds wie Steve Jobs, Bill Gates oder zuletzt Mark Zuckerberg zu Superstars musste Trendforschern und anderen Analysten des modernen Lebens zu denken geben. Hat der Freak, der Nerd, der Geek, welcher auf irrational-krankhafte Weise auf der Richtigkeit seines Standpunktes beharrt, einen Vorteil im Leben? Kann er, ermächtigt durch seine Aussenseiterrolle, verhärtete Strukturen mit weniger Angst vor dem Scheitern aufbrechen?

Die Art und Weise, wie Aussenseiter in einer der neueren High-School-Serien wie «Glee» dazu gebracht werden, ihre vorgeblichen Schwächen als Stärken zu erkennen, lassen einen solchen Schluss durchaus zu. Und wer weiss: Möglicherweise fürchten sich die Eltern der Zukunft vor nichts so sehr wie davor, dass ihr Kind kein Nerd, Freak oder Geek sein könnte.

«Die Aussenseiter kommen»

Grossaufnahme eines dunkelhaarigen Mannes mit Vollbart.
Legende: Judd Apatow schuf mit Freaks and Geeks 1999 seine erste eigene Fernsehserie. zvg

Sehen Sie am Sonntag, 23. Dezember 2012 um 11.55 Uhr auf SF 1 die vierte Folge von «America in Primetime».