Zur falschen Zeit am falschen Ort mit der falschen Hautfarbe

In der Neujahrsnacht 2009 wird ein junger Afroamerikaner grundlos von einem weissen Polizisten erschossen. Handyvideos gelangen an die Öffentlichkeit. Der Skandal ist perfekt. Regisseur Ryan Coogler hat die Gewalttat nun verfilmt. «Fruitvale Station» erzählt die Ereignisse aus Sicht des Getöteten.

Video «Filmkritik: «Fruitvale Station»» abspielen

Filmkritik: «Fruitvale Station»

3:43 min, vom 19.6.2014

Oscar und seine Freundin fassen sich gute Vorsätze für das neue Jahr. Sie will auf Kohlehydrate verzichten, er will kein Dope mehr verticken. Doch Oscar setzt noch einen drauf. Gerade frisch aus dem Knast, dazu noch die Freundin betrogen, will der Kleingangster sein Leben komplett verändern.

Er möchte ein aufmerksamerer Freund, ein fürsorglicher Vater und ein vorbildlicher Sohnemann sein. Daran ist nichts verkehrt, nur das Timing ist schlecht. Es sollte nämlich der letzte Tag in seinem Leben sein. Der Film «Fruitvale Station» rekonstruiert die letzten 24 Stunden von Oscar Grant.

Das reale Drama

Vater kniet vor dem Bett, darauf sitzt seine Tochter im Pyjama.

Bildlegende: Oscar Grant (Michael B. Jordan) will ein besserer Vater werden für seine Tochter Tatiana (Ariana Neal). Ascot Elite

Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und macht dies von Anfang an klar. Als erstes wird der Zuschauer mit den echten Handyaufnahmen aus jener Nacht konfrontiert. Das Drama ereignete sich in der Neujahrsnacht 2009.

Nach einer Rangelei im Zug werden Oscar und seine Kumpels von der Bahnpolizei aufgegriffen. Dabei knüpfen sich die weissen Ordnungshüter nur die farbigen Jungs vor. Die Situation heizt sich auf, bis ein Polizist die Kontrolle verliert. Ein Schuss fällt und trifft Oscar in den Rücken, während er wehrlos am Boden festgehalten wird. Dank der vielen Beweisaufnahmen konnte der Fall nicht vertuscht werden und Amerika startete das neue Jahr mit einem Rassismus-Skandal.

Ein Zeichen des Protests

Der Fall empörte auch den jungen Regisseur Ryan Coogler. Vielleicht hätte es in dieser Nacht auch ihn treffen können. Wie Oscar ist er in der San Francisco Bay Area aufgewachsen, hat den gleichen Jahrgang und ist ebenfalls schwarz.

Authentisch inszeniert er die Lebensumstände der afroamerikanischen Unterschicht in seiner Heimat. Ryan Coogler räumte mit «Fruitvale Station» bereits über 30 Preise ab. Nicht schlecht für ein Erstlingswerk.

Wer hat Angst vorm «Schwarzen Mann»?

Vier junge Männer sitzen mit dem Rücken zu einer Betonwand, ein Polizist und eine Polizistin stehten vor ihnen.

Bildlegende: Gedreht wurde an der echten Fruitvale Station in Oakland, Kalifornien. Ascot Elite

Oscar Grant wird von Michael B. Jordan («Friday Night Lights», «The Wire») gespielt. Der Serienstar verleiht dem Charakter extra Sympathiepunkte. Das ist wichtig. Weil es oft zu viel des Guten ist, wenn Oscar den ganzen Tag damit verbringt, eine gute Tat nach der anderen zu vollbringen. Ohne Happy End in Sicht, bleibt das Finale spannend und emotional mitreissend.

«Fruitvale Station» ist nicht nur die Geschichte eines tragischen Schicksals. Der Film will vor allem auch ein Zeichen setzen – für die Chancengleichheit. Dem Regisseur gelingt ein einfühlsames Porträt über einen jungen Mann, der sich eine zweite Chance verdienen möchte. Doch der Zuschauer spürt, dass Oscar auch ohne sein tödliches Schicksal zum Scheitern verurteilt ist. Mit seinem kriminellen Background würde er es nicht weit bringen. Nicht in einer Gesellschaft, in der die weisse Oberschicht immer noch Angst vor dem «Schwarzen Mann» hat.

Sendung zu diesem Artikel