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Das Grossvaterparadox «Wir sind noch weit weg vom Bau einer Zeitmaschine»

Per Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen? Theoretisch ist das denkbar, sagt Philosoph Claus Beisbart. Praktisch ist es bis dahin aber noch ein weiter Weg.

Zeichnung: Claus Beisbart neben einer Zeitkapsel, die mit 1950 beschriftet ist.
Legende: Reisen in einer Zeitkapsel? Durchaus denkbar, sagt Claus Beisbart, aber wenig wahrscheinlich. SRF/Cecilia Bozzoli/Nino Christen

SRF: Was ist eigentlich Zeit?

Claus Beisbart: Ein Spruch sagt: Zeit gibt es, damit nicht alles zugleich geschehen muss. Ich kann zum Beispiel nicht zugleich stehen und gehen. Aber ich kann erst stehen und später losgehen. Eine alte Definition bringt das auf den Punkt: Zeit ist das, was der Veränderung, der Bewegung zugrunde liegt.

Fehlte die Zeit, könnten wir demnach nichts erfahren und auch nicht leben?

Genau, denn Leben ist durch Bewegung und Veränderung gekennzeichnet.

Ohne Zeit kein Leben. Gilt das auch umgekehrt? Besteht die Zeit weiter, wenn alles Leben erlöscht?

Einige Philosophen wie Kant glaubten: Zeit ist bloss eine Betrachtungsweise der Menschen. Wenn man davon ausgeht, gibt es die Zeit nur abhängig vom Menschen. Mir erscheint das unplausibel. Ich denke, es gibt neben der erlebten Zeit auch eine objektive Zeit.

Milch wird in den Kaffee gegossen. Der umgekehrte Prozess ist nicht bekannt.

Wir erfahren die Zeit als gerichtet: Sie «zeigt» von der Vergangenheit in die Zukunft. Hat auch die objektive Zeit eine Richtung?

Was wir beobachten können, sind gerichtete Prozesse. Die Milch wird in den Kaffee gegossen und mischt sich mit ihm. Der umgekehrte Prozess, in dem ein Milchstrahl aus dem Kaffee steigt, ist nicht bekannt.

Hat die Zeit einen Anfang, wird sie ein Ende haben?

Früher ging man meist davon aus, dass die Zeit weder Anfang noch Ende hat. Heute können wir sagen, dass die Zeit selbst irgendwo beginnt. Nach der modernen Kosmologie startet sie mit dem «Big Bang». Es gibt kein Davor.

Das Ende der Zeit hängt vom Materiegehalt des Universums ab. Aktuelle Daten deuten auf eine ewige Expansion des Universums hin.

Sind Zeitreisen in die Vergangenheit physikalisch möglich?

Die allgemeine Relativitätstheorie wirbelte unsere Vorstellung von Raum und Zeit mächtig durcheinander. Ihr zufolge kann es geschlossene zeitartige Kurven geben. Eine Reise auf der Kurve bringt Sie in diesem Fall zurück in die Vergangenheit.

Wenn es solche Kurven noch nicht gibt, kann man sie vielleicht mit sogenannten Wurmlöchern erzeugen, besser bekannt als Zeitmaschinen. Bedingungen für Wurmlöcher werden aber erst untersucht, und die Physik ist weit weg vom Bau einer Zeitmaschine.

Zeigt nicht das Gedankenexperiment Grossvaterparadox, dass Zeitreisen unmöglich sind?

Im Gedankenspiel Grossvaterparadox reist eine Person in die Vergangenheit und ermordet ihren Grossvater. Aber in Folge kann die Person nicht geboren worden sein und daher auch nicht in die Vergangenheit reisen.

Die Physik ist weit entfernt vom Bau einer Zeitmaschine.

Das Paradox zeigt aber nur, dass wir auf einer Zeitreise nicht alles tun können. Es gibt eben nur eine unveränderbare Vergangenheit. Wenn ich dorthin zurückkehre, muss ich eine Rolle übernehmen, die es schon gab. Ich kann nichts tun, was meine Existenz verhindert.

Nun gibt es auch Theorien, die von einem Multiversum ausgehen: Viele Universen bestehen nebeneinander.

Dann löst sich das Paradox noch einfacher: Jedes der vielen Universen hat seine eigene Geschichte. Fliege ich in einen anderen Teil des Multiversums und ermorde meinen Grossvater, dann gibt es mich natürlich dort nicht mehr. Das ist aber kein Problem, weil ich ja aus einem anderen Teil des Multiversums komme.

Wie sollen wir unsere Zeit verbringen?

«Carpe diem» ist bestimmt kein schlechter Rat – lebe im Jetzt! Auf der anderen Seite wissen wir um die Wichtigkeit der Zukunft und müssen ein Gleichgewicht finden. Aus Sicht der Moral zählt jeder gegenwärtige und zukünftige Augenblick gleich. Zukünftige Generationen und ihre Interessen müssen schon heute berücksichtigt werden.

Das Gespräch führte Sofiya Miroshnyk.

Zur Person

Claus Beisbart hat in München und Tübingen Philosophie, Physik und Mathematik studiert. Heute lehrt er als ausserordentlicher Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern.

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