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Filosofix «Moral ist eine emotionale Sache, keine Rechenaufgabe»

Darf man einen Menschen opfern, um fünf zu retten? Dürfen wir bei moralischen Entscheidungen auf unser Gefühl hören? Der deutsche Philosoph Richard David Precht stellt sich dem ethischen Gedankenexperiment der «Strassenbahn». Er verrät, warum er bei seinem eigenen Kind eine Ausnahme machen würde.

Zeichnung: Im Vordergrund der grosse Kopf eines Mannes. Hinter ihm und einem Gleis wartet ein Weichensteller auf den nächsten Zug.
Legende: Plädiert für eine Ethik, die unsere biologischen Instinkte nicht ausblendet: Star-Philosoph Richard David Precht. SRF / Cecilia Bozzoli / Nino Christen

Herr Precht, Sie stehen am Stellwerk und müssen entscheiden, ob Sie einen Zug ohne Bremsen auf eine Gruppe von fünf Bauarbeitern auffahren lassen oder auf einen einzelnen Arbeiter. Das ist die Ausgangslage im Gedankenexperiment «Strassenbahn». Was würden Sie tun?

Ich weiss nicht, was ich tun würde. Wahrscheinlich würde ich wild und vergeblich rufen. Aber die Frage will ja auch nicht wissen, was ich wirklich tun würde. Sie will wissen, was ich meine, tun zu sollen. Und da würde ich wohl auch die Weiche umstellen auf den einzelnen Arbeiter.

Ist es moralisch gesehen schlimmer, eine Person aktiv zu töten, als sie passiv sterben zu lassen? Wenn ja, warum?

Für den philosophischen «Utilitarismus» ist beides gleich schlimm, weil er eine Handlung nach ihren Folgen bewertet. In unserem moralischen Empfinden beurteilen wir allerdings auch die Absicht und die Motivation einer Handlung mit.

Wenn ich nicht spende, und es sterben deswegen Bauern in Eritrea, ist mein Handeln vielleicht kalt und gleichgültig. Wenn ich jedoch nach Eritrea reise und eigenhändig ein paar Bauern erschiesse oder erwürge, handle ich gezielt sadistisch. Selbst wenn die Folgen gleich sein sollten, die Handlung ist unterschiedlich zu bewerten.

Würden Sie die Weiche auch stellen, wenn es sich bei der einzelnen Person um Ihr eigenes Kind handelte?

Selbstverständlich nicht!

Kann es moralisch richtig sein, Personen zu bevorzugen, die uns nahestehen?

Es ist richtig, weil es sich richtig anfühlt. Moral ist ein hochsensible emotionale Sache und keine mathematische Rechenaufgabe. Eine Ethik, die unsere biologischen Instinkte ausblendet, ist vielleicht gerecht, aber zugleich inhuman.

Sollten wir den dicken Mann von der Brücke stossen?

Auf keinen Fall!

Warum nicht?

Aus den gerade genannten Gründen. Wir schubsen nicht, weil diese moralische Handlung kontraintuitiv ist.

Darf man Menschen unter keinen Umständen instrumentalisieren? Oder gibt es Situationen, in denen es moralisch zulässig ist, beispielsweise jemanden zu foltern?

Darauf gibt es keine gute Antwort. In der Praxis müssen wir irgendwo die richtige Mitte finden: zwischen Kants Gebot, dass wir einen Menschen nicht «verzwecken» dürfen und der utilitaristischen Maxime, zwischen Glück und Leid abzuwägen. In jedem Fall befinden wir uns bei dieser Frage zwischen zwei Polen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Stellen Sie sich vor...

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Die Philosophie stellt die ganz grossen Fragen und hilft uns mit Gedankenexperimenten, eigene Antworten zu finden. «Filosofix» stellt die wichtigsten Gedankenexperimente in animierten Kurzfilmen vor – eine unterhaltsame Anregung zum Selberdenken. Hier finden Sie:

Richard David Precht

Richard David Precht ist ein deutscher Philosoph und Autor des Bestsellers «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?». Vor kurzem erschien der erste Band seiner dreiteiligen Philosophiegeschichte: «Erkenne die Welt. Geschichte der Philosophie»(München 2015).

6 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Einmal mehr kann ich den Philosfen nur empfehlen einmal Nahtodberichte zu studieren. Gefolterte Kriegsveteranen sterben zum Beispiel oft anders als normale Menschen. Sie halten Nichteinhaltung 24 Stunden durch. Dass sie loslassen können ist äusserst schwierig. Und auch die Moral spielt eine unglaublich wichtige Rolle im Lebensrückblick. Es steht tatsächlich ein Suchen nach der Bestmöglichen Lösung im Mittlepunkt.
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Precht bezieht sich darauf wie das Individuum Moralische Entscheidungen trifft. Die Linke hat diese Denkensweise für Staatliche prozesse eingeführt. Und hat somit den Brandsatz gezündet: Sie stossen alle vor den Kopf: Wissenschaften sind per Definition das quantitative abbilden der Welt. Und Entscheidungen werden auf dieser Grundlage gefällt. Vom Ingenieur, Soziologen, Ökonom, oder Arzt... Aber genauso der Handwerker. Z.b. ViaSicura (Pauschalurteile), extreme Ordnungsgesetze vs. Kriminalität...
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Gerade die Aussage das es 'keine Mathematische' Sache sei, und dann das Extremistische Beispiel ist symptomatisch für die Krankheit unserer Zeit: Die ganzen Medien (Blick und co.) machen mit krassen Einzelfällen Werbung für Radikale Gesetze. Die Gesetze sind dann so formuliert: 'man verstösst einfach nicht dagegen', anstelle von 'naja, so schlimm war dad jetzt auch nicht (quantitativ)'. Diese Philosophie zerstörte die ganze Welt der Jungen: Klar machen die Scheiss. Aber nicht alles ist schlimm
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