Mangelnde Integration? – «Wir müssen mit der Heuchelei aufhören»

Wieso hat der Westen so viel Angst und Misstrauen gegenüber dem Islam? Der Islamexperte Olivier Roy erklärt, dass es dabei eigentlich nicht um Religion, sondern um Immigration und Kampf um Lebensraum geht. Er räumt auf mit einer klaren Trennung von westlichen und muslimischen Werten.

Video «Hinschauen, um die Angst zu nehmen» abspielen

Hinschauen, um die Angst zu nehmen

5:33 min, aus Kulturplatz vom 3.6.2015

Der Koran, so eine gängige Meinung, legitimiere Gewalt gegen Ungläubige und den Herrschaftsanspruch des Islams. Was sagen Sie als Islamwissenschaftler dazu?

Olivier Roy: Im Koran finden Sie alles – und das Gegenteil von allem. Da gibt es Kriegserklärungen und Friedensbotschaften, es gibt die Aufforderung zur Gewalt und die Aufforderung barmherzig zu sein, es gibt den Aufruf die Ungläubigen zu bekehren, den Aufruf die Religion der anderen zu respektieren. Alles ist vorhanden, wie im Alten Testament.

Der Koran ist ein heiliger Text, und wie alle heiligen Texte ist er vieldeutig und lässt mehr als eine Interpretation zu. Die Frage ist, wie man mit einem komplexen heiligen Text umgeht. Die einen versuchen den Koran zu kontextualisieren, ihn historisch zu erklären. Die anderen sagen, die Botschaft des Korans sei allgemeiner und spiritueller Natur. Die Salafisten sagen, der Koran sei wortwörtlich auszulegen. Das Problem bleibt da allerdings ungelöst. Denn auch wenn man den Koran wörtlich liest, findet man nach wie vor alle Arten von Aussagen darin.

Man wirft dem Islam vor, mit westlichen Werten wie Meinungsfreiheit, Menschenrechten und Demokratie nicht kompatibel zu sein.

Der Koran sagt nichts über die Demokratie, das Alte Testament sagt nichts über die Demokratie. Das sind Begriffe, die damals keine Rolle spielten. Das, was zählt, ist die heutige politische Praxis der Muslime. Und auch da gibt es eine riesige Bandbreite: Es gibt eine Randgruppe von Fundamentalisten, die nichts mit der Demokratie am Hut hat – und es gibt Muslime, die ganz klar die demokratischen Rechte einfordern.

Hinzu kommt: Was heisst «westliche Werte»? Im christlichen Europa, so wird behauptet, würden westliche Werte hochgehalten. Doch ein Wert wie die Freiheit des Individuums wird von der katholischen Kirche missachtet, denn sie ist gegen das Recht auf Abtreibung und die Heirat Gleichgeschlechtlicher. Und ist Ungarn wirklich eine Demokratie, obwohl es sich auf die christlichen, europäischen Werte beruft? Es gibt nicht einfach zwei Kulturen, die eine westlich, demokratisch, feministisch und homosexuellenfreundlich, die andere muslimisch, undemokratisch, patriarchal und homophob. In vielem sind die katholische Kirche und das orthodoxe Judentum dem Islam näher als der säkularen Welt.

Islamkritiker fordern eine Reform des Islams.

Die Forderung nach einer Reform bedeutet eigentlich nichts. Wenn jemand nach einem islamischen Martin Luther verlangt, dann hat er Luther oder Calvin nicht gelesen. Calvin war kein moderater Reformator, er war ein Extremist. Auf der anderen Seite hat sich die katholische Kirche allen Herrschaftsformen angepasst, war absolutistisch, monarchistisch, manchmal auch liberal – und schliesslich musste sie die Trennung von Kirche und Staat akzeptieren. Das alles ohne Reform. Das ist der Beweis, dass es keine Verbindung gibt zwischen einer Theologie und einem politischen System.

Ist die Gewalt der islamistischen Gruppen religiös legitimiert?

Diese Form der Gewalt, die man heute mit dem Islam in Verbindung bringt, trat erst in den 1980er-Jahren auf. Es gab in den 1400 Jahren islamischer Geschichte nichts Vergleichbares. Ausserdem ist die Inszenierung spektakulärer Gewalt, die die Islamisten heute praktizieren, nicht nur auf den Islam beschränkt. Auf dieselbe Weise gehen die Drogenkartelle in Mexiko vor: Der gleiche Sadismus, die gleiche Entmenschlichung des Gegners.

Video «Wie gefährlich ist Religion ohne Kultur?» abspielen

Wie gefährlich ist Religion ohne Kultur?

38 min, aus Sternstunde Religion vom 1.1.2011

Diese Inszenierung finden Sie übrigens in Videospielen – es ist eine Gewalt, die insbesondere die Jungen fasziniert. Was erklärt, warum ein grosser Teil der Terroristen Konvertiten sind. Wenn diese Gewalt im Islam selbst wurzeln würde, gäbe es nicht so viele Konvertiten. Diese Verbreitung einer sadistischen Gewalt in den sozialen Netzwerken ist ein grosses Problem unserer Gesellschaft.

Sie vergleichen die islamistischen Terrorgruppen mit den linksextremen Gruppierungen der 1970er-Jahre, etwa der Roten-Armee-Fraktion in Deutschland oder den italienischen Brigate Rosse.

Die Baader-Meinhof-Gruppe hat den globalen mediatisierten Terrorismus erfunden, die zeitgleiche medienwirksame Entführung von Flugzeugen, die Inszenierung der terroristischen Aktion. Al Qaida hat dies zum Höhepunkt gebracht, gefolgt nun vom IS. Gemeinsam ist allen terroristischen Bewegungen, dass ihnen ein Generationenkonflikt zugrunde liegt. Sie richten sich gegen die Elterngeneration, gegen das herrschende Establishment.

Zu sagen, der islamistische Terror habe nichts mit dem Islam zu tun, wird von manchen als Ausrede empfunden – inwiefern berufen sich die Terrorgruppen auf den Islam?

So wie sich die Baader-Meinhof-Gruppe auf den Marxismus berief. Al Qaida und der IS beziehen sich auf den Islam, wie sich die fundamentalistischen amerikanischen Prediger auf die Bibel beziehen. Die Mehrheit der Muslime teilen diesen Bezug nicht – was übrigens dadurch bewiesen ist, dass die hauptsächlichen Opfer der Islamisten andere Muslime sind. Das zeigt, dass es keine geschlossene muslimische Gemeinschaft gibt; nur eine muslimische Bevölkerung, so wie es eine christliche Bevölkerung gibt. Die muslimische Welt ist ebenso aufgesplittert wie die christliche Welt.

Woher rühren nun im Westen die Angst und das Misstrauen gegenüber dem Islam?

Es sind zwei Phänomene, die die europäische Bevölkerung beunruhigen. Zum einen ist das die Immigration. Sie ist nicht nur auf Europa oder auf die Muslime beschränkt. Aber der Grossteil der arbeitssuchenden Einwanderer in Europa in den 1960er und 1970er-Jahren waren Muslime. Also identifiziert man die Probleme, die durch die Immigration entstanden sind, mit dem Islam.

Zum anderen ist es der Nahost-Konflikt. Was im Nahen Osten geschieht, hat einen direkten Einfluss auf Europa. Dieser Konflikt hat nicht den Islam als Ursache, es ist ein Kampf um Lebensraum. Aber weil das eine Volk jüdisch und das andere vorwiegend muslimisch ist, gibt es eine religiöse Rationalisierung des Konfliktes.

Der Westen fürchtet sich auch vor muslimischen Parallelgesellschaften und wirft diesen mangelnden Integrationswillen vor.

Es gibt muslimische Gruppen, die die Integration ablehnen, wie etwa die Salafisten. Aber gerade bei den jungen Muslimen beobachtet man das Gegenteil. Sie fordern ihre Bürgerrechte ein, Zugang zum Arbeitsmarkt und Bildung, und sie beklagen sich darüber, dass man sie nicht an der Mehrheitsgesellschaft teilhaben lässt. Das ist ein Teufelskreis: Man wirft ihnen vor, sich nicht integrieren zu wollen, lässt sie aber gleichzeitig nicht teilhaben. Wir müssen mit der Heuchelei aufhören. Wenn wir einen europäischen Islam wollen, müssen wir die Muslime als Europäer behandeln.

Zur Person

Zur Person

Olivier Roy ist ein französischer Politik- und Islamwissenschafter, der als politischer Berater, Diplomat und UNO-Gesandter wirkte und unter anderem 1994 die OSZE-Mission in Tadschikistan geleitet hat. Momentan ist er Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Fiesole, Italien.

Sendung zu diesem Artikel