Türkische Homosexuelle: «Wir sind keine Monster im Glitzerkleid»

Viele türkische Schwule und Lesben verstecken ihre sexuelle Neigung – aus Angst von Familie und Freunden ausgegrenzt zu werden. In den letzten Jahren hat sich die Situation noch verschlimmert. Trotzdem macht die Parlamentswahl in der Türkei einigen Hoffnung.

Bildmontage eines arabischen Musters und eines Regenbogens.

Bildlegende: Die Türkei tut sich mit einer gesellschaftlichen Vielfalt nach wie vor schwer. SRF/Christine Kälin

Der junge Mann im schwarzen T-Shirt senkt die Stimme, während er spricht. «Meine Familie weiss nicht, dass ich schwul bin», flüstert er. «Wenn sie es wüsste, würde sie schlimm reagieren.» Murat, 24-jährig, macht eine Pause, zündet sich eine Zigarette an. Während er raucht, spreizt er den kleinen Finger ab. Er lächelt. Hier, im grossen Istanbul, wo ihn kaum jemand kennt, raucht er, wie er will.

Tödliche Angriffe auf Homosexuelle

Zuhause im Ort seiner Eltern aber‚ bewegt er sich «wie ein richtiger türkischer Mann. Ich komme aus einer konservativen Gegend im Süden der Türkei. Dort könnten die Leute schnell etwas bemerken und misstrauisch werden, wenn ich so rauche.» Was wäre dann? Murats Blick wird ernst. «Ich glaube nicht, dass es gut wäre, es darauf ankommen zu lassen.»

Im Gegensatz zu vielen anderen überwiegend muslimischen Ländern war Homosexualität in der Türkei nie ein Strafbestand. Doch akzeptiert fühlen sich Menschen wie Murat deswegen noch lange nicht. Die Liste derer, die wegen ihrer sexuellen Neigung gar zu Gewaltopfern wurden, ist lang. Erst im vergangenen Jahr wurden zwei Transvestiten in der Nähe des Istanbuler Taksim-Platzes in ihrer Wohnung tödlich angegriffen.


Homosexuelle in der Türkei

4:10 min, aus Kultur kompakt vom 05.06.2015

Doppelleben und Alibi-Heirat

Nicht selten sind die eigenen Familien in solche Angriffe involviert. «Ein schwuler oder gar transsexueller Sohn, das ist für einen türkischen Mann die schlimmste Schande, die er sich vorstellen kann», erklärt der 27-jährige Emre. Seit drei Jahren sind er und Murat heimlich ein Paar.

In der Türkei verkündet die Familienministerin offen, Homosexualität sei eine biologische Störung, die sich heilen lasse. Und 87% der Menschen geben an, sie wollten keinen Homosexuellen zum Nachbarn. Da überrascht es nicht, dass Murat und Emre ihre Liebe geheimhalten. Auch wenn das bedeuten mag, dass sie Zeit ihres Lebens ein Doppelleben führen und oft sogar gegen ihren Willen eine Frau heiraten müssen.

Die Toleranz ist geschrumpft

«Die Leute kennen Homosexuelle oft einfach nur als Klischeebilder», klagt Sakir, der mehrere Jahre die Schwulenbar «Frappé» am Bosporus betrieb. Damit wollte er ein Zeichen setzen: «Hier ist eine Gay-Bar, kommt her und seht uns. Wir sind schwul, aber wir sind keine Monster in Glitzerkleidchen.»

Tatsächlich sind die Vorurteile gegenüber Homosexuellen in der Türkei zahlreich. Unter der religiös-konservativen AK-Partei, die das Land seit gut 12 Jahren regiert, seien Toleranz und Akzeptanz dabei noch geschrumpft, klagen viele.

Mehrere homosexuelle Wahlkandidaten

Und dennoch ist nicht nur Barbesitzer Sakir überzeugt: Es tut sich etwas am Bosporus. Es war während der Gezi-Proteste im Sommer 2013, dass die Trans- und Homosexuellenbewegung der Türkei eine Art Aufschwung erlebte. Bei der Gay Pride desselben Jahres marschierten gut 15‘000 Menschen durch das Zentrum Istanbuls – Rekord für ein überwiegend muslimisches Land.

Am 7. Juni nun wählt die Türkei ein neues Parlament. Schon jetzt steht fest: Auch diesmal wird die konservative AKP die Wahl für sich entscheiden. Mit der linksliberalen HDP dürfte gleichzeitig aber auch eine Partei den Einzug ins Parlament schaffen, die mehrere offen homosexuelle Kandidaten antreten lässt. Murat aus Istanbul weiss noch nicht, ob er seiner Familie jemals von seinem Freund erzählen kann. Aber er weiss zum ersten Mal, welcher Partei er seine Stimme geben wird.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 06.06.2015, 17:06 Uhr.