Die Expo 64 «isch schampar modärn»

24. Juli 1964. Das Schweizer Fernsehen bringt eine ganze Stunde über die Expo. Thema: Feld und Wald. Das klingt unaufgeregt. Ist es auch. Es geht um die «Funktion des Waldes» und den Knaller in der Milchverarbeitung: die Dreieckstüte. Heureka! Vom Skandal hinter den Kulissen ahnt man da noch nichts.

Die Expo 1964: «Der Weg der Schweiz» ist das Motto. Sie solle zeigen, wie die Schweiz wirklich ist. Soll «offener sein» als die Landi der geistigen Landesverteidigung 1939. Keine Abschottung, sondern auch ein Nachdenken über die Zukunft soll stattfinden.

Das haben sich einige Initianten Mitte der 50er-Jahre vorgenommen. Sie wollen in der Deutschschweiz «die neue Stadt» der Zukunft bauen unter dem Titel: «Achtung – die Schweiz».

Die Initianten sind prominent: Max Frisch, Autor und Architekt, Markus Kutter, Historiker, Lucius Burckhardt Soziologe. Es kommt anders. Lausanne wird als Ort der Expo 1964 bestimmt. Die «neue Stadt» der Zukunft ist als Konzept vom Tisch. Die geistige Strömung, die sie hervorbrachte, ist aber nicht mehr totzukriegen.

Und heute?

Von heute aus gesehen zeigt sich die Expo 1964 als eine Landesausstellung zerrissen zwischen polarisierenden geistigen Strömungen. Die Abteilung «Feld und Wald» (Dokumentation hier) ist der wertkonservative Teil der Expo 1964, der Ländliches und Tradition präsentiert. Gezeigt wird vieles mit Jööh-Effekt: Ziegen, Pferde und eine Muttersau. Das bleibt in Erinnerung.

U-Boot Mésoscaphe

Bildlegende: «Mésoscaphe» wird zu einem Wahrzeichen der Schweizer Innovation. Keystone

Dagegen steht die Frage nach der Zukunft. Sie wird repräsentiert durch technische Errungenschaften: Piccards U-Boot «Mésoscaphe» ist zu sehen, in einem Beitrag gehen Kunstfasern spazieren, eine Studentin findet das alles «schampar modärn».

Literarischer kommt das gleiche Resümee vom damals 32-jährigen Umberto Eco daher: «Die Expo ist eine perfekt inszenierte schwindelerregende Wunderkammer, ... ein technologisches Schlaraffenland.» In einer Reportage in Reimform (!) von höchstem Unterhaltungswert wird die Expo 64 als Erlebnis kolportiert.

Schweizer Design – le dernier cri! Max Bill ist präsent, in jeder Küche zumindest als Uhr. Auch die Künste sind avantgardistisch: Liebermanns «Les Échanges» sind da und Tinguely mit seiner «Heureka». Aber das erscheint heute mehr als modernistische Verpackung: Man gibt sich vordergründig modern, verhindert hinten durch aber einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wohin sich das Land denn entwickeln will.

Gulliver bei den Schweizern:«Sind Sie ein guter Schweizer?»

Bildlegende: Gulliver bei den Schweizern:«Sind Sie ein guter Schweizer?» SRF

Der Gulliver-Skandal

Gleich am Anfang des Expogeländes geht man am Riesen Gulliver vorbei, der verteilt Fragebögen. Die kann man im schattigen Café ausfüllen. Die Fragen haben es in sich: «Ist man ein guter Schweizer, wenn man erst nach 9 Uhr aufsteht? .... wenn man ein schlechter Soldat ist? ... wenn man legale Abtreibungen gut heisst? ... wenn man eingebürgert ist?»

Der Initiant des Projekts, der Lausanner Regisseur Charles Apothéloz, versteht dieses Nachdenken über die Zukunft als Theaterprojekt. Vor Beginn der Expo wird er dreimal vor den Bundesrat zitiert. Seine 310 Fragen werden auf 80 zusammengestrichen. Besonders heikle muss er umformulieren.

Die Firma IBM hat einen Computer konstruiert, der blitzschnell eine Auswertung macht und an die Besucher ein «Feedback» gibt, wie man heute sagen würde. Mehr als 600'000 Menschen füllen die Bögen aus – ein geniales Projekt. Eine sagenhafte Datenmenge zur Stimmungslage der Nation kommt da zusammen, all das computergestützt erfasst und ausgewertet.

Der Bundesrat verbietet Auswertung und Publikation. Nach Ende der Expo müssen alle Originaldatensätze vernichtet werden, die Auswertungen ebenfalls.

Das ethische Röntgenbild einer Nation

1998. Im Lausanner Stadtarchiv taucht eine Teilauswertung auf. 134'000 Antworten sind erfasst. Wer die gemacht hat und wie die ins Stadtarchiv kommen, weiss niemand. Die Sendung «Einstein» hat 2014, anlässlich des 50. Jahrestages des «Gulliver-Skandals», die Fragen online gestellt und die Ergebnisse mit dem Teilergebnis aus dem 1964 verglichen. Es beschreibt die Veränderung eines Wertgefüges. Apothéloz' Projekt ist das ethische Röntgenbild einer Nation – auf Geheiss geschreddert.

Die Landi 1964 (hier geht's zur Umfrage von «Einstein») sollte zeigen, wie die Schweiz wirklich ist. Sie hat gezeigt, wie sie 1964 wirklich war – in aller zerrissenen Widersprüchlichkeit.

Archivperlen

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