Wie erinnern wir uns an Henri Guisan?

Es ist genau 70 Jahre her: Am 29.6.1945 berichtet die Wochenschau vom Rücktritt des General Guisan. Manchen gilt er heute als der grösste Schweizer des 20. Jahrhunderts. Für andere ist er bloss ein Name auf einem Strassenschild. Wer war dieser Guisan? Wie sehen wir ihn heute?

Juni 1945. Guisan betritt die Bundesversammlung. Alle erheben sich. Applaus! Es wird gebeten ihn «unter Verdankung zu entlassen». Den Mann, der für viele die Schweiz sicher durch den 2. Weltkrieg führte. Guisan sagt, er habe nur seine Pflicht getan und trete jetzt ins Glied zurück: «Ma mission est terminée.» Frenetischer Beifall, Standing Ovations, draussen auf dem Bundesplatz: Jubel. «Das Land liebt ihn», vermeldet der Wochenschausprecher.

Guisan ist ein gewiefter Hund

Sechs Jahre vorher, es ist der 30. August 1939: Guisan wird zum General befördert. De facto ist er der Oberbefehlshaber der Schweizer Truppen. Der 2. Weltkrieg beginnt. Flächenbrand. Mittendrin die Schweiz. Dieser Guisan ist ein gewiefter Hund: Nicht nur strategisch sondern auch im gezielten Einsatz seiner medialen Inszenierung und Wirkung.

Seine aristokratische Ausstrahlung ist nicht immer hilfreich. Aber Guisan lernt schnell. Die Filmwochenschau wird sein Medium. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich ans Volk zu wenden, denn eines ist ihm klar: Er muss nicht nur seine Soldaten überzeugen wie mit seiner Rede ein Jahr nach der Mobilisation, er muss ein ganzes Land hinter sich bringen.

Der Meister der Selbstinszenierung

Und so inszeniert er sich. Ein Film über ihn heisst: «Ein Tag im Leben des Generals». Da zeigt er sich als Führer, der aber auch immer wieder den kompetenten Rat seiner Mitarbeiter sucht. Guisan gibt manchmal den weisen Richter und begnadigt. Manchmal nicht: «Landesverräter mag ich nicht.» Kernige Aussagen, klirrend-metallische Stimme, Charisma, geschliffene Rhetorik, das macht Eindruck. Im Film ist er herzlich zu Getreuen, seine Losung: «Man befehligt keine Soldaten, sondern Menschen.» Das scheint er vorzuleben. Scheinbar authentisch. So gibt er sich auch bei seinen Ansprachen ans Volk und bei seinen Auftritten bei der «Soldatenweihnacht».

Er reitet in hohem Alter auf ebenso hohem Ross durch die Kampagne und hält einen kleinen Schwatz mit einem Bauern, volksnah, alles riecht nach Scholle. Der grosse General hat ein offenes Ohr für die Sorgen des kleinen Mannes. Schneidig ist er unterwegs, die Wochenschau verfolgt ihr per Auto, das ist Spielfilm-like, scripted reality würde man heute sagen. Der auswendig gelernte Text kommt manchmal daher wie ungelenkes Bauerntheater, aber umso geschmeidiger galoppiert er, als wäre er König, Kaiser oder Landesvater und ist doch nichts von alledem.

Der Erfinder des Réduit

Mit seinem Rapport auf dem Rütli am 25. Juli 1940 geht er in die Geschichte ein. Da stellt er seinen Getreuen zum ersten Mal die Idee des Réduit vor. Ton- und Bildaufnahmen sind dabei verboten. Aus Sicherheitsgründen – teilt Guisan mit. So präzis er sich der Medien bedient, so genau weiss er auch um deren Gefahr. Er behält die Lufthoheit über die Information. Erst in «Ein Tag im Leben des Generals» taucht dieser Rapport auf. Der Film wird ab 1944 gedreht und erst 1945 veröffentlicht. Darin sieht man Fotos und die erste Landkarte, mit der Guisan das genaue Vorgehen im Réduit und die strategische Bedeutung erläutert. Was er 1940 geheim hält, lanciert er 1945.

Guisan stirbt 1960. Sein Begräbnis kommt einem Staatsakt gleich. 300'000 Menschen säumen die Strassen in Lausanne. Ein Land steht still.

Und heute?

Wer war dieser Henri Guisan? Die Forschung ist ihm näher gekommen, Historiker streiten über die Faktenlage und deren Interpretation. Die beiden Historiker Markus Somm und Jakob Tanner streiten vor wenigen Jahren in der Rundschau. Somm sagt, die Schweiz habe nur dank Guisan den 2. Weltkrieg unbeschadet überstanden, Tanner hält vieles für Legendenbildung, der Mythos Guisan schrumpfe auf ein realistisches Mass zusammen. Manches an Guisans Politik hält Tanner in seinen Auswirkungen gar für gefährlich.

Das glatte Bild des Generals hat in den letzten Jahren Risse bekommen. Manches erscheint als kluge Doppelstrategie, anderes als höchst fragwürdig wie etwa Guisans Haltung dem Faschisten Mussolini gegenüber.

Wer ist dieser Guisan für Sie heute? Der grösste Schweizer des 20. Jahrhunderts? Diskutieren Sie mit, nutzen Sie unsere Kommentarfunktion.

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Buchhinweis

Markus Somm: General Guisan. Widerstand nach Schweizerart, Bern 2010

Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg, Zürich 1989