Rausch vs. Recherche: Zürcher Annäherungen an den Dadaismus

Das Dada-Jubiläum hat Zürich im Griff. Zwei Ausstellungen huldigen dem «Esprit Dada» – unterschiedlicher könnte die Zugänge nicht sein: Das Zürcher Kunsthaus zeigt eine genau recherchierte Kabinettsausstellung. Im Landesmuseum lädt eine bunte Collage zum freien Assoziieren ein.

Collage mit Fächer, Händen und einem schnabelartigen Gesicht

Bildlegende: Tristan Tzara rief – und die Freunde schickten ihm Kunst: Max Ernst «Die chinesische Nachtigall» (Ausschnitt). Kunsthaus Zürich / ProLitteris

In jahrelanger Forschung hat die US-amerikanische Kuratorin Adrian Sudhalter ein Buchprojekt des dadaistischen Strippenziehers Tristan Tzara rekonstruiert. Die Anthologie «Dadaglobe» sollte 1921 dadaistische Poesie und Kunst in Buchform dem breiten Publikum verfügbar machen und die in die ganze Welt verstreuten Dadaisten untereinander vernetzten. 50 Künstlerinnen und Künstler lud Tzara brieflich zur Mitwirkung ein, «jede noch so unerwartete Idee» sei sehr willkommen.

Per Briefpost trudelten die Beiträge ein: Max Ernst schickte seine später berühmte Collage «Die chinesische Nachtigall», Man Ray schickte aus New York das Foto eines Schneebesens mit dramatischem Schattenwurf oder der «schönsten Statue Amerikas». Zu sehen ist ein Betonsockel am Strassenrand, aus dem ein Holzverhau ragt.

Mammutarbeit

So typisch dadaistisch die Beiträge waren, Tzaras geplante Anthologie kam nie zustande, weil der Financier und Künstlerkollege Francis Picabia Tristan Tzara im Streit die Gelder strich. Adrian Sudhalter hat das geplante Buch mit dem Katalog zur Ausstellung nun doch herausgegeben und mit der Rekonstruktion in einer Ausstellung eine Mammutarbeit geleistet.

Denn die künstlerischen Beiträge von Dadaisten aus aller Welt, die in Tzaras Briefkasten gelandet waren, wurden in Privat-Sammlungen in alle Welt zerstreut, als das Berner Auktionshaus Kornfeld und Klippstein den Nachlass von Tristan Tzara 1968 versteigerte.

Flipperkasten der Assoziationen

Wer gerne Dokumente in Schaukästen entziffert und historische Genauigkeit selbst im kleinsten Detail schätzt, ist im Kunsthaus bestens aufgehoben. Wer lieber wildere Sprünge macht, der wende sich ins Landesmuseum. Dort inszenieren die beiden Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel unter dem Titel «Dada universal» einen Flipperkasten der Dada-Assoziationen.

Zentrales Thema ihrer Ausstellung ist der Rausch und die Extase, die die Dadaisten und ihre Erben suchten, um die Vernunft auszuhebeln. In zahlreichen Vitrinen zeigen Juri Steiner und Stefan Zweifel teils erlesene Exponate (darunter zahlreiche Werke von Marcel Duchamp) und arrangieren Kunst, historische Objekte und Dokumente zu vieldeutigen Arrangements, die auch vor dem Kalauer nicht zurück schrecken.

Ein Vogel in einer Vitrine neben anderen Ausstellungsexponaten

Bildlegende: Starb vor Dada aus: der Dodo. Schweizerisches Nationalmuseum

Das Skelett eines Dodos, der ausgestorbenen Vogelart mit dem dada-nahen Namen, thront so neben einer Skulptur von Arp. Ist Dada also wie der Dodo mausetot? Ein Tarnmantel, den Soldaten im ersten Weltkrieg trugen, ist neben einer Skulptur der Collagenmeisterin Hannah Höch zu sehen. Weil der Krieg Menschen zerfetzt, wie die Collage Bilder zerschnippelt?

Dada erklären, heisst Dada zu Grabe tragen, das scheint das Motto von Juri Steiner und Stefan Zweifel gewesen zu sein. Ganz Unrecht haben sie damit wohl nicht.

Big Dada

Big Dada

1916, Erster Weltkrieg: Europa blutet. Nur in der kleinen Oase Schweiz herrscht vermeintlich Ruhe. Dort gründen Künstler Dada und revolutionieren die Kunst. Zum 100. Geburtstag begibt sich SRF Kultur auf Spurensuche – im Radio, Fernsehen und online. Denn: Dadas Geist lebt. SRF Kultur weiss wo.

www.srf.ch/bigdada

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