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Buch «Menschen wie du und ich» Schicksale, die sich auf der Netzhaut einprägen

Zwei junge Schweizer Fotografinnen entlockten Menschen weltweit ihre Lebensgeschichten: voll schmerzlicher Erlebnisse, intimer Geheimnisse und intensiver Glücksmomente.

Sie heissen beide Sandra und haben ihren gemeinsamen Traum wahr gemacht: Sie reisten um die Welt, sprachen auf der Strasse spontan Menschen an, fotografierten sie und baten diese um ihre Lebensgeschichte.

Im Gepäck hatten die Fotografinnen eine Kamera und eine Faltwand als Bildhintergrund. Daraus entstand der Fotoband «Menschen wie du und ich».

Sandra Schmid und Sandra Bühler

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Sandra Schmid und Sandra Bühler
Legende:Sandra Schmid / Sandra Bühler

Sandra Schmid, 27 (links) und Sandra Bühler, 29, sind seit ihrer gemeinsamen Ausbildung als Polygrafinnen befreundet. «Menschen wie du und ich» ist ihr erstes Buch. Sandra Schmid arbeitet als Videoeditorin beim Fernsehen und als selbständige Grafikerin. Sandra Bühler ist Multimediamanagerin und selbständige Grafikerin.

«Vielleicht waren wir etwas naiv, aber das braucht es wohl, um so etwas durchzuziehen», gesteht Sandra Schmid. Angefangen habe es vor vier Jahren in New York, sie seien auf der Strasse spontan auf Leute zugegangen: «Spannend war, dass uns beiden die gleichen Menschen ins Auge stachen und wir uns immer einig waren, wen wir interessant fanden», sagt Sandra Bühler.

Porträt
Legende: Jose, 44, war Kindersoldat in Angola «Ich war 15. Die Rebellenarmee verschleppte mich für den Kampf gegen die Regierung. Kinder, die versuchten zu fliehen, wurden erschossen. Ich wurde zu einer Tötungsmaschine getrimmt. Foltern. Morden. Vernichten. Der Klang des Krieges. Der Geruch der Verwesung. Die Leichen, überall Blut. All das wurde irgendwann normal.» Sandra Schmid / Sandra Bühler

Die beiden Schweizerinnen trafen auf eine grosse Offenheit, niemand verweigerte sich ihrer Anfrage. Die meisten Passanten waren glücklich, dass ihnen jemand Aufmerksamkeit schenkte. Viele der 80 Porträtierten bedankten sich danach.

«In unserer modernen Zeit spricht man viel zu wenig miteinander, das fehlt den Menschen», findet Sandra Schmid. «Erwachsene sagen ihren Kindern oft: Das darfst du nicht fragen, das gehört sich nicht. Aber es gibt meiner Meinung nach keine falschen Fragen – wir haben ohne Berührungsängste gefragt, auch sehr persönliche Dinge.»

Porträt
Legende: John, 46, Überlebenskünstler, New York «Diagnose: Leukämie. Noch zwei Jahre zu leben. Ich war zu jung, wollte noch nicht sterben. Entgegen jedem Rat liess ich die Chemotherapie bleiben und begab mich auf eine Reise. Eine Reise, die mein Leben rettete.» Sandra Schmid / Sandra Bühler

Auf die stets gleiche Einstiegsfrage: «Was hat dich im Leben am meisten geprägt?» sprachen Männer und Frauen gleichermassen offen und ohne Tabus über Vergewaltigungen und Drogenelend, über Armut und Tod, aber auch über Hoffnung und Wege aus der Verzweiflung.

Keine Geschichte sei ihnen zu banal oder zu wenig spannend gewesen, sagen die Autorinnen. Gewisse Schicksale aber seien so tragisch, dass sie froh gewesen seien, diese nach dem Fotoshooting zusammen verarbeiten zu können.

Der Mann, der 23 Jahre unschuldig im Todestrakt sass

Zum Beispiel das Leiden des 54-jährigen Nick aus Los Angeles. Er sass 23 Jahre unschuldig im Todestrakt und wurde sein halbes Leben lang als Monster betitelt.

«Das war wahnsinnig eindrücklich, welch warmherzige Ausstrahlung dieser Mann hat, der jetzt wieder in Freiheit ist. Er hat viel gelesen im Todestrakt und ist überhaupt nicht verbittert, sondern hat gelernt, das Schlimme loszulassen. Und er strahlt eine grosse Liebe aus», erzählen beide Sandras übereinstimmend.

Porträt
Legende: Nick, 54, sass 23 Jahre unschuldig im Todestrakt «Heute fragen mich die Menschen, weshalb ich nicht verbittert bin. Die Antwort auf alles ist: Liebe. Nicht zuletzt jene zu mir selbst. Denn auch wenn ich wie ein Monster behandelt wurde; ich bin gut, wie ich bin. Das sage ich mir jeden Tag. Wenn ich an dieser Ansicht festhalte, kann mir niemand das Gefühl geben, ein Monster zu sein.» Sandra Schmid / Sandra Bühler

Eine andere Begegnung, die sich nachhaltig einprägte: Ein Treffen mit der 74-jährige Emilia aus Peru, die elf Kinder gebar und neun davon sterben sah, weil sie sich keine medizinische Versorgung leisten konnte. «Was für uns selbstverständlich ist oder banal, bestimmt andernorts über Schicksale von ganzen Familien. Das relativiert vieles im eigenen Leben», sagt Sandra Schmid.

Porträt
Legende: Christina, 52, Bolivien, lernte nie lesen und schreiben «Bereits als junges Mädchen musste ich meinem Vater bei der Feldarbeit helfen, für die Tiere sorgen, kochen und Kleider nähen. Ich wollte so gerne zur Schule gehen, um Schreiben und Lesen zu lernen. Aber mein Schicksal war ein anderes. Jetzt bin ich mit meiner Kraft am Ende.» Sandra Schmid / Sandra Bühler

Brenzlige Situationen

Die zwei Frauen reisten auch an abgelegene und gefährliche Orte. Im grössten Obdachlosenviertel von Los Angeles habe schon eine bedrohliche Schwere in der Luft gelegen, so Sandra Bühler. Aber auch hier gingen die beiden Frauen unbeschwert auf die Leute zu. Bis Polizisten neben ihnen ihr Auto stoppten. «Sie fragten uns, ob wir uns verirrt hätten und warnten, sie würden es hier nicht einmal bewaffnet wagen, aus dem Auto zu steigen», erinnert sich Sandra Bühler, «das war schon beklemmend.»

Porträt
Legende: Shy, 30, landete im Obdachlosenviertel von Los Angeles «Dieser Ort hier ist schrecklich. Jeden Tag schmiede ich Pläne, wie ich diesem Albtraum entfliehen könnte. Ich würde so gerne wieder in einem Piercingstudio arbeiten, doch ich wurde ausgeraubt und besitze nicht einmal mehr einen Ausweis. Dennoch möchte ich mich nicht aufgeben. Denn ich bin verdammt nochmal gut in dem, was ich kann.» Sandra Schmid / Sandra Bühler

Kontakte durch Hilfsorganisationen

Es gibt im Buch auch fesselnde Geschichten von Menschen, welche die Autorinnen über Hilfsorganisationen gefunden haben. Wie Anita aus Nidwalden, welche den Tsunami in Thailand überlebt hat und nun einfach dankbar ist, noch auf dieser Welt zu sein.

Oder David, der dramatisch schildert, wie er sich am 11. September 2001 aus einem der einstürzenden Türme des World Trade Centers retten konnte und nun unter der Schuld leidet, überlebt zu haben.

Oder Denise aus New York, welche die Flugzeugnotlandung auf dem Hudson River äusserlich heil überstanden hat, aber bis heute Panik bekommt, wenn keine Fluchtmöglichkeit vorhanden ist.

Beurteile nie ein Buch nach seinem Umschlag

Das Ziel der Autorinnen war es auch, Menschen eine Stimme und ein Gesicht zu geben, die sonst nie zu Wort kommen. Die Leserinnen und Leser damit zu sensibilisieren, ihre Mitmenschen vorurteilslos zu betrachten – hinter die Fassade zu gucken statt nur auf den äusseren Schein: «Beurteile nie ein Buch nach seinem Umschlag», wie es Sandra Bühler ausdrückt.

«Menschen wie du und ich»

«Menschen wie du und ich» aber lässt schon durch sein Coverbild eines Mannes voller Tätowierungen und eindringlichem Blick erahnen, dass hier Aussergewöhnliches zu entdecken ist. Von Sandra Schmid und Sandra Bühler, Stämpfli Verlag, 2018.

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