Dem perfekten Foto auf der Spur

Fotos sind überall: auf dem Handy, auf Flickr oder auf Werbeplakaten. Doch was zeichnet eine wirklich gelungene Fotografie aus? Fachmann Martin Zurmühle sagt im Interview, was Fotos ansprechend macht und wieso man sich nicht zu stark auf seinen eigenen Geschmack berufen sollte.

Wir leben gegenwärtig in einer Bilderflut. Noch nie war die Konkurrenz unter den Fotos so gross wie heute. Jeder fotografiert, beinahe überall und jederzeit. Lichtempfindlichkeit, Tiefenschärfe, Belichtungszeit, Farben, Filter und Kontraste – alles automatisch. Die passenden Einstellungen wählt die Kamera oder das Bildbearbeitungsprogramm. Ist das Fotografieren heute zu einem Kinderspiel geworden? Ist es heute einfacher, ein gutes Foto zu machen?

Ja und nein! Dank der Technik und insbesondere dank der sofortigen Bildkontrolle nach der Aufnahme und der praktisch kostenlosen Möglichkeit, so viele Aufnahmen wie gewünscht zu machen (was sich früher nur die Profis leisten konnten), ist es einfacher geworden, gute Aufnahmen zu machen. In der heutigen Bilderflut ist es aber auch viel schwieriger geworden, die «Spreu vom Weizen» zu trennen. Es ist nicht einfach, die wirklich starken Aufnahmen aus dieser Masse an meistens belanglosen Bildern herauszupflücken. Dazu braucht es schon einiges an Erfahrung und Wissen.

Worin besteht denn das Geheimnis herausragender Bilder?

Herausragende Bilder sprechen uns als Betrachter umfassend an. In der Malerei vermögen uns abstrakte Gemälde mit ihrer Reduktion auf wenige Formen und Farben kaum zu berühren, während uns zum Beispiel Gemälde des Impressionismus mit ihren Kompositionen und Farben, ihren angedeuteten Geschichten und den durch die Licht- und Bildstimmung vermittelten Gefühlen viel stärker ansprechen. Das Gleiche gilt auch in der Fotografie. Eine formale Strenge und eine gekonnte Bildkomposition reichen in der Regel nicht aus, wir müssen den Betrachter auch auf seiner gefühlsmässigen Seite ansprechen, um wirkungsvolle und herausragende Bilder zu gestalten. Und natürlich braucht es auch auf der Seite des Fotografen ein gutes Stück Kreativität und vielleicht auch Genialität, um sich von der Masse abzuheben.

Wir sehen in der Regel schnell, ob uns ein Foto gefällt oder nicht. Meist können wir jedoch nicht sagen, warum es uns gefällt oder was uns an ihm stört. Worauf sollte man achten bei der Analyse und Bewertung von Fotografien?

Wir dürfen uns nicht zu sehr nur auf unseren Geschmack berufen. Dieser ist und soll sehr subjektiv sein, bestimmt aber nicht die Qualität einer Aufnahme. Je fachkundiger wir in der Fotografie werden, desto besser erkennen wir die Qualität einer Fotografie, unabhängig davon, ob sie uns auch persönlich gefällt oder nicht. Diese Fähigkeit gehört zu den Schlüsselqualifikationen eines Wettbewerbsjurors, der sich nicht von seinem Geschmack leiten lassen darf, sondern die Qualität der Bilder möglichst neutral bewerten muss. Auch dazu braucht es eine langjährige intensive Beschäftigung mit der Fotografie. Die Qualität einer Aufnahme hängt nämlich von vielen verschiedenen Faktoren ab: Technik, Komposition, Wirkung, aber auch Motivwahl, Bildidee und Zeitgeist.

Oft ist es die Bildsprache einer Fotografin, die uns fasziniert: Nicht das Motiv, sondern die Art, wie es in Szene gesetzt wird. Bald erscheint ein neues Buch von Ihnen, das sich den unterschiedlichen Bildsprachen zeitgenössischer Fotografen widmet. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der individuellen Handschrift einer Fotografin und ihrer Persönlichkeit? Spiegelt sich der Fotograf in der Sprache seiner Bilder?

Das ist meiner Meinung nach ein Schlüsselkriterium für eine individuelle Bildsprache. Für mich sollten diese drei Eigenschaften zeigen: Originalität, Authentizität und Kreativität. Die Bilder des Fotografen sollten keine Kopie oder Nachahmung einer bereits bekannten Bildsprache sein, sondern eigenständig wirken. Sie sollten sich aber auch nicht am allgemeinen Geschmack der Betrachter orientieren, sondern aus der Persönlichkeit des Fotografen entstammen und authentisch sein. Ich glaube, der Fotograf muss so fotografieren, er kann nicht anders. Und seine Bildsprache sollte uns seine eigene und uns anregende Kreativität zeigen. Je ehrlicher und authentischer eine Bildsprache ist, desto mehr erzählt sie uns auch über den Fotografen und desto interessanter wird sie für den Betrachter.

Zur Person:

Zur Person:

Martin Zurmühle (geb. 1956 in Luzern) ist Architekt, Fotograf, Ausbilder und Autor von Fotolehrbüchern. Er wurde mehrfach zum besten Allroundfotografen der Schweiz gekürt und gewann mit seinem Buch « BILDANALYSE nach dem Vier-Augen-Modell» die Silbermedaille des deutschen Fotobuchpreises in der Kategorie Fotolehrbücher.

Literaturhinweis:

Martin Zurmühle: «BILDANALYSE nach dem Vier-Augen-Modell». Vier-Augen-Verlag, Luzern 2010.

Martin Zurmühle: «BILDSPRACHEN zeitgenössischer Fotografen». Vier-Augen-Verlag, Luzern 2013.

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